Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 238 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. mudischen Brauch zufolge, ihr schönes Haar mit einer Art Perücke, einem sogenannten Scheitel, verdecken möge, wogegen dieselbe sich mit dem ganzen Stolz einer gekränklen Frauenseele zwar höflich, doch entschieden verwahrte; auch Graetz wies das Ansinnen energisch zurück, und man schied wenig befriedigt von einander. Schwerer und lästiger drückten die dunkeln Nebel, wie sie sich aus dem trüben Dunstkreis des engen und undisciplinierten Ghettolebens, zumal in einer österreichischen Kleingemeinde, zu entwickeln pflegten. Die Eifersucht der rabbinischen Lokalgrosse, eines beschränkten Talmudisten, der von Graetz Ruhm verdunkelt zu werden fürchtete und daher ab und zu seine amtliche Ueberlegenheit geltend machte, krähwinkelige Rivalitäten, gegen die Notabilitäten der Gemeindestube gerichtet, welche die leilenden Personen in den Angriffen auf die von ihnen begünstigten Einrichtungen und Männer treffen wollte, Hessen es Graetz in ihrem verbissenen Ingrimm empfinden, dass des Lebens ungemischte Freuden keinem Sterblichen und am allerwenigsten dem Dirigenten einer Israelitischen Gemeindeschule in Oesterreich zuteil werden. Angebereien, namentlich beim Bezirksamt, welche ihn als eingefleischten Demokraten denunzierten, machten ihm viel zu schaffen, gingen aber dieses Mal, ohne irgend welchen Schaden anzurichten, glücklich vorüber. Das Jahr 1851 erhöhte sein Glücksgefühl, es schenkle ihm Familiensegen, eine Tochter, welche die einzige neben seinen vier Söhnen blieb, und mit der er stets in ausserordentlicher Innigkeit zusammenhing. Dazu kam, dass Zacharias Frankel in selbigem Jahr die theologische Arena wieder mit einer »Monatsschrift« betrat, welche abweichend von der früheren »Zeitschrift« in erster Reihe wissenschaftlichen Interessen dienen sollte, und Graetz in ehrenvollster Weise zur Mitarbeit aufforderte. Freudig stellte er sich unter diese Fahne und veröffentlichte in schneller