Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 237 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. 237 Niemand ahnte, welche Gedanken und Erregungen in seinem Inneren unter der ruhigen Oberfläche oftmals stürmisch durcheinander wogten. Trotzdem bedurfte er, um sein äusseres Gleichgewicht stets zu behaupten, einer Aussprache, in welcher die leicht erregbare, innerlich stark reagierende Stimmung seines schnell unter hohen Spannungsdruck gesetzten Gemütes sich zu entladen und zu läutern pflegte. Solchem Zwecke mögen wohl die Blätter seines Tagebuchs gedient haben, da sie zumeist unter dem Druck eines hoch־ gespannten Affektes geschrieben sind. Mit dem Tage seiner Verheiratung beginnen diese Aufzeichnungen immer spar־ lieber zu fliessen, bis sie schliesslich ganz versiegen. Hatte er doch in seiner Lebensgefährtin die sympathische Seele gefunden, welche ihm mit unbegrenzter Verehrung und Teilnahme ergeben war, in deren Empfindung sein Denken und Fühlen einem vollen und meist geklärten Wiederhall begegnete. Und wie sein seelisches Leben, so teilte sie auch sein geistiges Streben, sie hat sich des Gatten wissenschaftliche Interessen zu eigen gemacht und ihm wie ein sorgsamer Hülfsarbeiter bei seiner gelehrten Beschäftigung die förderlichste Handreichung geleistet. So ging denn der neue Schuldirigent am 15. Oktober 1850 in Lundenburg mit Eifer und Lust an seine Tätigkeit, dirigierte, klassifizierte, hielt feierliche Ansprachen und unterrichtete. Wie es scheint, fehlte auch der Erfolg nicht, denn er fand ermunternden Beifall. Im Schatten seiner kleinen, aber glücklichen Hütte nahm er seine litterarischen Pläne und Arbeiten wieder auf, hatte er ja für seine Vor־ träge in Nikolsburg ein reiches Material über die talmudisehe Zeit gesammelt, das er nun verwerten wollte. Es dauerte jedoch nicht lange, so mischten sich trübe Schatten in den idyllischen Zustand. Mit Hirsch war es fast zu einem Zerwürfnis gekommen. Als das junge Ehe־ paar in Nikolsburg bei ihm seinen Antrittsbesuch machte, verlangte dieser von der jungen Frau, dass sie, einem tai־