Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 236 (sequence 13)
- Language
- German
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236 Heinrich Qraetz. Ein Lebensbild. sich schnell, und am 12. September 1850 erfolgte seine Anstellung als Dirigent und Oberlehrer der jüdischen Schule zu Lundenburg. Es war ein bescheidenes Amt, in dessen Dienst er sich stellte, und ein mässiges Einkommen, mit dem er zu rechnen hatte. Allein es bot ihm doch immerhin die Möglichkeit, eine häusliche Existenz zu begründen und bis zu einem gewissen Grade seine Individualität frei zu entfalten. Ehe er in das Amt trat, eilte er in die alte Heimat zurück, um die treue, der Vereinigung mit ihm geduldig entgegenharrende Braut, welche von fehlgeschlagenen Er- Wartungen nicht entmutigt, den Glauben an ihn niemals verloren hatte, Anfangs Oktober 1850 unter den Trauhimmel zu führen1). Er hätte keinen besseren und tapfereren Kameraden finden können, als die Gattin, die ihm nach seinem neuen Heim folgte. Sie hat ihm durch ihr harmonisches, massvolles und liebreiches Wesen nicht nur das Haus geschmückt und die umwölkten Tage ihm aufgeheitert, sondern auch das Ungestüm seines Temperaments gemässigt und die Neigung seines Wortes zu scharfen, kaustischen, herausfordernd klingenden Accenten abgemildert. Sie verstand sich auf die Bedürfnisse seiner Seele, in der es zuweilen wie ein Klang unbestimmter und ungestillter Sehnsucht hindurchzitterte. Es lag eben in seiner Persönlichkeit manches Inkommensurable, das sich nicht erklären Hess. Er war Dritten gegenüber ein bei aller Mitteilsamkeit verschlossener Charakter, der die geheimen Regungen seines Gemütes tief in sich verbarg, so dass er stets äusserlich durchaus ruhig und gemessen erschien und 5) Die Trauung in Krotoschin vollzog Hirsch Fassei, Rabbiner von Prossnitz in Mähren, mindestens hielt er dabei die Trauungsrede. Er weilte damals in Breslau, woselbst man mit ihm wegen einer An- Stellung als Rabbiner neben Geiger verhandelte. Doch führten die Verhandlungen zu keinem Resultat.