Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 235 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829776-2829781-2885223--32734-2885284- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Heinrich Graetz. Ein Lebensbiid. 235 liker des Nikolsburger Ghettos hatten selbst an dem gesetztreuen Verhalten des Landrabbiners vielerlei auszusetzen, sein Jünger wandelte vollends unter ihnen als eine fremde, unheimliche Erscheinung. Denunziationen verdächtigten ihn bei den Lokalbehörden wegen seiner demokratischen Gesinnung; damit traf ihn der schwerste Makel, mit dem besonders ein Ausländer in dem damaligen Oesterreich behaftet werden konnte, und es bedurfte des ganzen Aufgebotes seiner Freunde, um arge Ungele־ genheiten und eine sofortige Ausweisung von ihm abzuwehren. Die Schöpfung einer Rabbinerschule, auf welche Graetz wie auf eine letzte Karte alle seine Hoffnungen gesetzt hatte, erwies sich immer mehr als eine leere Seifenblase; ob die Orts־ und Zeitverhältnisse dem Projekt ungünstig waren, ob Hirsch aus anderen Gründen den Plan fallen liess, steht dahin1), ln den freundschaftlichen Beziehungen beider Männer war auch allmählich eine leise Erkaltung eingetreten. Graetz begrüsste es daher wie eine Erlösung aus unhaltbaren Zuständen, als ihm aus dem im Nikolsburger Bezirk gelegenen Lundenburg, einem Städtchen in der Nähe Wiens, seitens des Vorstandes der Antrag gemacht wurde, die Organisation und Leitung der dortigen Gemeindeschule zu übernehmen. Man verständigte *) Graetz äussert sich darüber in seinem curriculum vitae (bei den Akten des Kuratoriums der Kgl. Kommerzienrath FränckeFschen Stiftungen, »den Seminarlehrer Graetz betreff.«) folgendermassen: »Im Jahre 1849 folgte ich dem Rufe, der von dem mährischen Landrabbiner an mich erging, mich bei der Gründung eines Rabbinerseminars für die mährischen und österreichisch-schlesischen Gemeinden zu beteiligen und an demselben als Lehrer zu wirken. Doch kam dieses Institut nicht zu Stande; die schwankenden Verhältnisse des österreichischen Staates überhaupt und die einem ewigen Provisorium anheimgefallene Stellung der Israeliten im Kaiserstaate zogen die Verhandlungen über die Verwirklichung eines derartigen Seminars in die Länge. Ich sah mich infolge dessen in die Notwendigkeit versetzt, provisorisch die Leitung einer öffentlichen israelitischen Schule in Lundenburg bei Wien zu übernehmen«.