Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 234 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. für den ehemaligen Lehrer in ihm nicht etwa verdampft, er wollte nach langen Jahren ihn wieder sehen und sprechen. Hirsch, der ebenfalls eine entschiedene Sympathie für seinen früheren Schüler hegte, trug Bedenken, ihn nach dem dermals so heissen Boden Wiens ziehen zu lassen, und Graetz, der wenig Lust und Beruf zu politischer Berichterstattung in sich spürte, liess sich gerne zum Bleiben bereden und nahm vorläufig mit einer untergeordneten Stellung an der Nikolsburger Religionsschule vorlieb. Im Hintergrund stand freilich die Anwartschaft auf einen Lehrerposten an einem von Hirsch projektie rten Rabbinerseminar, dessen Schöpfung diesen ganz ernstlich beschäftigte. Hirsch hatte sich lange mit dem Gedanken getragen, — der übrigens den hervorragenden Rabbinen jener Epoche, in dem Wunsch, eine theologische Schule ihrer Richtung zu bilden, fast durchwegs als Ziel vorschwebte, und als brennende Frage auf der Tagesordnung stand, — eine jüdisch-theologische Bildungsanstalt ins Leben zu rufen. Es nahm den Anschein, dass dieser Plan in Nikolsburg, wo von jeher eine vielbesuchte Talmudschule blühte, sich um so leichter würde verwirklichen lassen, als man eben an eine schon vorhandene Institution nur anzuknüpfen, dieselbe umzugestalten und ihr neuen Geist einzuflössen brauchte. Graetz wurde sogleich von seinem Gönner veranlasst, den im Talmud bewanderten und bisher nur dialektisch geschulten Jünglingen Vorlesungen über jüdische Geschichte zu halten. Es war natürlich, dass er zu seinen Vorträgen für derartige Talmudschüler die Zeit der Mischnah und des Talmuds wählte, eine Geschichtsperiode, mit der er sich schon beschäftigt hatte und der er jetzt für den vorliegenden Zweck die sorgfältigsten Studien widmete. Trotz allen Eifers, den er seinen Vorträgen und Studien zuwandte, sah er sich in seinen eigentlichen Erwartungen enttäuscht, und das Peinliche seiner prekären Lage verschärfte sich im Laufe der Zeit noch mehr. Die Fana-