Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 231 (sequence 8)
- Language
- German
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Heinrich Oraetz, ein Lebensbild. 231 Graetz war jedenfalls entschlossen, von nun an bei aller Wahrung seiner Selbständigkeit seine theologische Stellung an der Seite von Frankel zu nehmen; hatte er doch erkannt, dass er in seinen religiösen Überzeugungen gerade diesem sich am meisten nähere; der letztere hatte dasselbe seinerseits dadurch anerkannt, dass er Graetz auf seinen Wunsch die formelle Autorisation zur Ausübung rabbinischer Funktionen (התרת הוראה> erteilte. Frankel stellte übrigens mit dem Ende 1846 die Her־ ausgabe seiner Zeitschrift ein, um seine Kraft für künftige, bessere Zeiten aufzusparen. Zu diesem dritten und letzten Jahrgang seiner Zeitschrift hatte Graetz neben einzelnen Rezensionen noch einen seiner bedeutsamsten Aufsätze beigesteuert, welcher in mehreren Artikeln »Die Konstruktion der jüdischen Geschichte« behandelt. Frisch und lebhaft im Ausdruck, reich an schönen Gedanken, die selbst von Homileten mannigfach ausgemünzt wurden, zeichnet die Abhandlung mit klaren und scharfen Strichen die Grundlinien und Gesichtspunkte, welche für eine Gesammtdarstellung der jüdischen Geschichte massgebend sein sollen; indess ist der Verfasser noch allzusehr in der philosophischen Schulsprache und Denkweise seiner Zeit befangen, so dass er sich verleiten lässt, die Transcendenz Gottes auf Kosten der monotheistischen Idee unverhältnissmässig in der! Vordergrund zu stellen. So bedeutendes Ansehen Graetz durch seine gelehrten Arbeiten besonders in theologischen Kreisen sich erworben hatte, er spähte vergebens überall nach einem Punkte aus, an dem er die Wurzeln einer festen, auch nur bescheidenen Lebensstellung einschlagen konnte. Endlich schien sich der Horizont doch lichten zu wollen, es winkte ihm die Aussicht, den eigenen Herd begründen zu können, leider eine Fata morgana. Die orthodoxe Partei in Breslau hatte nämlieh Ende 1846 ihre Aktion wieder energisch aufgenommen, erkannte den Sohn des verstorbenen Salomo Tiktin, Ge-