Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 230 (sequence 7)
- Language
- German
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230 Heinrich Graetz, ein Lebensbild. grosse gemässigte Partei um sich zu sammeln? Erst im folgenden Jahre 1846 unternahm er einen Versuch in dieser Richtung, indem er an die konservativen Theologen moderner Gesinnung Einladungen zu einer Zusammenkunft in Dresden ergehen Hess, vielleicht um der reformatorischen dritten Rabbinerversammlung, welche im Juli desselben Jahres zu Breslau zusammentreten sollte, ein wirksames Paroli bieten zu können. Aber selbst dieser Versuch ist von Frankel nicht mit der nötigen, sonst an ihm bemerk־־ baren Energie durchgeführt worden. Als Graetz im September 1846 in Dresden eintraf, fand er zu seinem Erstaunen Niemanden vor. Samson Raphael Hirsch, damals Landrabbiner von Emden, hatte von vornhinein abgelehnt, weil er den modernen Rabbinen die innere wie äussere Berechtigung zu Eingriffen in den religiösen Kult absprach. Rappoport in Prag hatte aus unbekannten Gründen abgesagt, ihm lagen eben nur wissenschaftliche Interessen am Herzen. Michael Sachs in Berlin war durch amtliche Ab־־ haltungen entschuldigt. Den meisten Anderen war die Zeit und der Ort zur Zusammenkunft nicht gelegen gewählt. Frankel wiederum war ein vornehmer Geist, dem es widerstrebte oder nicht gegeben war, die Werbetrommel kräftig zu rühren, durch Agitation oder Reklame Stimmung zu machen und eine Partei an sich zu locken oder gar zu fanatisieren; nur der Gerechtigkeit seiner Sache wollte er vertrauen, er verschmähte die kleinen Mittel und Kunstgriffe, um ausschliesslich die Macht der Überzeugung wirken zu lassen. Es musste naturgemäss einen tiefen Eindruck auf ihn hervorbringen, als er wahrnahm, wie Graetz der Einzige war, der seinem Ruf so unbedingte Folge leistete. Beide Männer, so verschieden an Alter, Natur und Anlage, doch eines in ihren Anschauungen und Zielen, waren nun durch die persönliche Berührung einander näher getreten, und sie schlossen, wenn auch unausgesprochen, eine für das Leben vorhaltende Waffenbrüderschaft.