Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 226 (sequence 3)
- Language
- German
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226 Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. wandtheit zu Gebote gestanden, in mehr oder minder heilsamen Schöpfungen oder Einrichtungen auf einem immerhin eng beschränkten Arbeitsfeld seine besten Kräfte aufgezehrt• Graetz selbst, der sich gut kannte, hatte immer davor gebangt, dass er im rabbinischen Amt nicht an seinem Platz sein würde, der Gedanke an die Pflichten und Verant- Wörtlichkeiten eines Rabbiners machte ihm jederzeit Pein. Wenige Tage bevor er nach Gleiwitz abging, bemerkte er in seinem Tagebuch: »Unter allen Ämtern ist das Rab- »binat am wenigsten für mich geschaffen, mir fehlt auf allen »Seiten jene Macht der Erscheinung, des imponierenden »Auftretens. Auch ist mein Wissen höchst mangelhaft, aber »mein Wille ist stark, energisch. Wenn Gott mit einem »solchen Werkzeug gedient ist, dann stehe ich da mit Leib »und Seele; aber das Predigen!« In der Tat, das Flügelross der Predigt, das nicht blos der edlen Begeisterung der wenigen Auserwählten mit Lust und Feuer dient, sondern auch zahllosen Dutzendmenschen zu mehr oder minder zweifei־ haften Kunststücken vor den bewundernden Augen und Ohren der vielköpfigen Menge den Rücken hergiebt, es hat einen Graetz im kritischen Augenblick aus dem Sattel geschleudert. Es war ein Sturz, den er schwer und schmerzlich empfunden hat. Er, der noch kurz vorher schriftstellerische Triumphe fast spielend erlangt hatte, der vor keiner Schwierigkeit zurückzuschrecken gewohnt war, verzweifelte nun daran, dass er das lebendige Wort in gleichem Masse wie die Spitze der Feder je werde zwingen können. Hierzu waren ihm in der Tat auch die äusseren Mittel versagt. Es war nicht gerade die äussere Erscheinung, die ihm im Wege stand, denn er war von kräftiger, untersetzter, guter Mittelgestalt, aber es fehlte seiner Stimme bei lautem Ansatz die Modulation und die Vortragsweise, vor allem gebrach es ihm an Fähigkeit zu irgend welcher Posierung, in seinem Wesen lag auch nicht die leiseste Spur von dem Komödianten, der wie Goethe sagt, »einen Pfarrer könnt’