Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 225 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Oraetz. Ein Lebensbild. 225 goge daselbst die Predigten abzuhalten. Zur festgesetzten Frist, am Eingangsabend des heiligen Tages bestieg er die Kanzel, und das Resultat war — ein ganz unerwartetes Fiasko, das um so schlimmer wirkte, weil es das Zutrauen zu seiner rhetorischen Begabung in seinem eigenen Innern vollends erschütterte. Er hatte sein Memorandum total vergessen, verlor die Geistesgegenwart, stand ratlos da und musste nach wenigen Worten die Kanzel verlassen. Seine Freunde und Anhänger, die unerschütterlich zu ihm standen, boten alles auf, um ihm Gelegenheit zu geben, die böse Scharte wieder auszuwetzen; doch glückte es ihm nur zum Teil, sich zu rehabilitieren, das verlorene Terrain war nicht mehr zurückzuerobern. Das unverhoffte Missgeschick war wohl, wie wir heute nachträglich gestehen müssen, dem aufstreben־ den Gelehrten und seinem Lebenswerk zum Heil gewesen, so unsanft er auch hierdurch auf diejenige Bahn gedrängt wurde, für welche er mit Gaben und Kräften ausgestattet war, wie kein Anderer mehr. In jenen Tagen allgemeiner Gährung wurde das religiöse Leben der jüdisehen Gemeinden von so entgegengesetzten, verworrenen und stürmischen Strömungen durchsetzt und aufgewühlt! dass ein Mann von dem unbezwingbaren Trieb zu wirken und zu schaffen, und wo es erforderlich schien, selbständig und selbsttätig einzugreifen, von dem angeborenen Hang, mit seiner Überzeugung nicht zurückzuhalten, und noch dazu mit der verfänglichen Gabe, seiner Meinung einen treuen, schlagenden und kaustischen Ausdruck zu geben, es wohl schwerlich fertig gebracht hätte, in dem Nachen eines rabbinischen Amtes zwischen den mannigfachen Klippen eines zumeist fanatischen Parteigetriebes glücklich hindurchzulavieren. Er hätte entweder seiner Natur und seinem Genius untreu werden, oder wenn dies nicht anging, schliesslich einmal scheitern müssen; allenfalls hätte er, falls ihm ein genügendes Mass von Weltklugheit und Ge- Monatsschrift, 48. Jahrgang. 15