Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 171 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz, ein Lebensbild. 17t beantwortete. Die Vertreter beider Parteien, der altgläubige Salomo Tiktin einerseits und der fortschrittliche Abraham Geiger anderseits, suchten mit rücksichtsloser Schärfe einander niederzuringen. Geiger siegte, und selbst die hierdurch herbeigeführte Sprengung der Gemeinde tat seinem Siege keinen Abbruch. Dr. Abraham Geiger, dessen erstes Auftreten auf dem rabbinischen Schauplatz sofort Sturm ankündigte, der den anscheinend ruhig aber unaufhaltsam sich vollziehenden Prozess der neuzeitlichen religiösen Entwicklung in seinen Tiefen heftig aufwühlte, gehörte zu den hervorragendsten Rabbinen seiner Zeit. Rednerisch wie schriftstellerisch handhabte er das populäre Wort mit wahrer Meisterschaft; dieser Meisterschaft war es mehr eigen, das Wort in die Breite ausströmen zu lassen, als es in präcisem, schlagendem Ausdruck zusammenzuziehen. Einer der besten Kanzelredner des Judentums, verstand er es, durch schlichte Art und geistvolle Wendungen zu fesseln und anzuregen; die wenigen von ihm veröffentlichten Predigten geben nicht annähernd eine Vorstellung von der Macht, mit der sein lebendiges Wort wirkte, wiewol dasselbe keineswegs durch die äusseren Mittel seiner Persönlichkeit besonders gehoben oder gar getragen wurde1). Auch als Gelehrter hat er für die jüdische Wissenschaft Vorzügliches und Bleibendes geleistet, namentlich hat er um die litterarhistorische Forschung, die er meisterhaft beherrschte, sich hochverdient gemacht; hingegen lassen die ersten Arbeiten, zunjal aus der ersten Breslauer Zeit, zuweilen die volle Durchbildung des Verfassers vermissen, der es überdies liebte.!) Schreiber dieses spricht hier den Eindruck seiner persönlichen Erfahrung aus. Er muss jedoch hinzufügen, dass er Geigers Predigten nur in seiner Jugend zu hören Gelegenheit hatte, also zu einer Zeit, wo man schnell enthusiasmirt wird und leicht zur Bewunderung neigt; dennoch glaubt er, dass er sein Urteil als ein zutreffendes aufrecht halten kann.