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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. Seite 172

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
48 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Article
Heinrich Graetz
Date
1904-03-01
Page
Seite 172 (sequence 12)
Language
German
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172 Heinrich Oraetz, ein Lebensbild. auch in seinen gelehrten Arbeiten stets die reformatorische Tendenz hervorzukehren. Trotz seiner wissenschaftlichen Bedeutung fehlte ihm die Tiefe des geschichtlichen Blickes. Trotz seiner Verdienste um den modernen Gottesdienst war sein Empfinden für die Bedürfnisse und Regungen der Volksseele nicht fein und intensiv genug. Er war im Grunde ein doktrinärer Rationalist. Auch sein religiöses Programm und Ziel trat nicht klar und bestimmt hervor, zumal er gegen die radikalen Strömungen, deren Sturzwellen damals über das Judentum destruktiv hinwegrollten, eine mehr als wohlwollende Neutralität beobachtete; man gewinnt unwillkürlich den Eindruck, als ob er auf einen ethischen Deismus lossteuern wollte und nur aus Opportunitätsgründen sich von einem offenen Bekenntnis zurückhalten liess. Daran vor allem nahm Graetz schweren Anstoss, allmälich bildete sich bei ihm eine völlige Abneigung gegen Geiger aus! Mancherlei Scheinwerk und Flitter war bei den vielfachen Organisationen, welche Geiger in tastenden Versuchen hervorzurufen sich bemühte, wohl mitunterlaufen, vielleicht gar. nicht zu vermeiden; möglich auch, dass der üble Eindruck noch durch eine Art von Selbstgefälligkeit, durch den Trieb, überall zu kleinmeistern, eine menschlieh verzeihliche Schwäche, wovon Geiger nicht ganz frei war, verschärft worden. Gegen Scheinwesen und Schaum- Schlägerei empfand jedoch Graetz’ Naturell einen so tiefen Widerwillen, dass er hiefür keine Schonung und Rücksicht kannte, Geiger ist von ihm nur ein einziges oder noch ein anderes Mal besucht worden. Gleich nachdem sich Graetz in den Hörsälen seiner Fakultät orientirt hatte, sprach er bei den beiden rabbinischen Parteihäuptern vor, worüber sein Tagebuch Folgendes berichtet: »Die Bekanntschaft des Rabbiners »Tiktin habe ich gemacht. O, wie habe ich immer in »Ehrfurcht dagestanden, als ich auf den ersten Blättern

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