Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 170 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. ohne dass tiefere Spuren wahrzunehmen sind, welche sie in seinem Geiste zurückgelassen. Selbst der Professor Bernstein, ein Orientalist von ansehnlichem Ruf, der ihn zu engerem Verkehr heranzog, verstand es nicht, in seinem Schüler den ihm sonst eigenen ungestümen Eifer für ein umfassendes Studium des Syrischen und Arabischen zu entfachen; er selbst scheint nicht mehr die Absicht gehabt zu habendes auch in diesen Fächern zu irgend welcher Meisterschaft zu bringen. Nur der seiner Zeit geschätzte Philosoph, Professor Braniss, dem er ebenfalls näher trat, mag ihm allenfalls die Bekanntschaft mit der Hegel’schen Philosophie vermittelt und das Bewusstsein eingeflösst haben, dass auch in der Welt der Freiheit alle Entwicklung mit absoluter Gesetzmässigkeit, natürlich idealer Natur, sich vollzieht, dass daher die geistigen Kräfte, welche durch Verwirklichung einer immer höheren Idee die Geschichte der Menschheit erzeugen, wohl ihren immanenten Gesetzen folgen, zugleich aber dabei dem Kausalnexus sich unbedingt fügen, und dass bei der Betrachtung geschichtlicher Erscheinungen das Prinzip von Satz und Gegensatz (Thesis — Antithesis — Synthesis) sich besonders förderlich erweist. So sehr Graetz in seine Studien sich vertiefte, er verfehlte nicht, den Vorgängen in der Breslauer Gemeinde seine volle Aufmerksamkeit zuzuwenden. Was zu jenen Tagen im Schoss der Breslauer Judenschaft vorging, hatte freilich kein bloss lokales Interesse, sondern warf seine Schatten oder seine Strahlen weit über Schlesien hinaus und hatte sämtliche jüdische Kreise Deutschlands mächtig ergriffen und erregt. Dort war das orthodoxe und das reformatorische Prinzip zum ersten Mal in ganzer Wucht im Kampf um’s Dasein zusammengestossen; heftig und wild tobte Streit und Sturm zwischen der alten und neuen Partei, da die Orthodoxie, blind gegen die; Zeitverhältnisse, jegliches Ausgleichsanerbieten starrköpfig mit einem Non possumus