Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 168 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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168 Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. Von der jüngeren Generation wird er allenthalben als Schüler von Hirsch freudig begrüsst und veranlasst, in Wollstein, Kosten und Zerkow zu predigen. Seine Predigten schlagen zwar nicht durch, aber sie bekunden hinlänglich, dass in dem Prediger ein eigener Fonds von Wissen und Geist sich birgt; seine sämtlichen Freunde kommen also darin überein, dass es sich für ihn empfehle, zu »studiren«, d. h. die Universität zu absolviren und sich den Doktorhut zu holen. Sie weisen darauf hin, dass wenigstens die kleineren Gemeinden in der Provinz, wie Wreschen, Wollstein, Kosten, mit der Anstellung, »studirter Rabbiner« teilweise vorgegangen, teilweise vorzugehen entschlossen sind. Um einige Mittel für die Universitätszeit sich zu beschaffen, versteht er sich zur Uebernahme eines Hofmeisterpostens in Ostrowo, den er gegen Ende 1840 antritt. ln Ostrowo, einer kleinen Stadt im Südosten der Provinz mit einer grossen, jüdischen Gemeinde, welche noch tief in den alten, wenig anmutenden Lebensformen des Ghetto steckte, fühlte er sich überaus unbehaglich. Seine Position innerhalb des Hauses sagte ihm nicht zu, ausserhalb fand er aber Niemanden, dem er sich freundschaftlich anschliessen mochte. Um Ersparnisse zu machen, hatte er sich der übrigens nicht allzu anstrengenden Hofmeisterei unterzogen; hierzu jedoch fehlte es ihm an finanziellem, wie an haushälterischem Geschick. Ja, seine verwandtschaftliche Hingebung, seine Gutmütigkeit und Unbedachtheit verwickelten ihn in so arge Geldverlegenheiten, dass die Monologe seines Tagebuches von pessimistischer Schwermut überströmen und selbst das Gottvertrauen, das sonst durch diese Blätter innig und hoffnungsvoll haucht, zu erlahmen scheint. Trost suchte er in vielfachen, kleinen Ausflügen nach den Nachbarstädten, in der Abfassung einer hebräischen Biographie der Mischnahlehrer