Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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162 Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. Vormittags mit dem Talmud, am späten Nachmittag mit den Psalmen, und der Jünger fühlt sich von dem Geist und der durchdringenden Methode, mit der die Exegese dieser Schriftwerke behandelt wird, wunderbar angezogen und angeregt, geradezu gehoben. Es kommt nun Plan und Ordnung und Zusammenhang in seine Kenntnisse. Hirsch nimmt sich seines Schützlings wahrhaft väterlich an, er bemüht sich, seinen Geist zu discipliniren, seine sittliche und religiöse Kraft zu festigen; dabei hütet er sich, als wenn ihm jetzt schon eine Ahnung von der ungewöhnliehen Kraft und Begabung dieses nach Wissen und Belehrung lechzenden Jünglings aufgegangen wäre, ihn von oben herab zu schulmeistern, er behandelt ihn stets als einen bei allem Abstand doch ebenbürtigen Jünger. Mag auch die Wirkung der Jahre dazu beigetragen haben, Graetz reifte sichtlich unter der Leitung dieses Meisters, der an ihm seinen ersten Schüler gefunden. Die Verwendung, die er im Hause seines Lehrers fand, war hauptsächlich das Amt eines Famulus. Er begleitet den Landrabbiner auf seinen Inspektionsreisen, wobei sie sich die Stunden unterwegs mit Erörterungen über talmudische und biblische Gegenstände verkürzen. Er sieht mit ihm die letzten Abschnitte des »Horeb« durch, hilft ihm bei diesem Buch die Korrektur der letzten Bogen besorgen, von dem der Jünger ganz entzückt und ergriffen wird u. dgl. m. Welch vorteilhafte Meinung muss der rigorose Landrabbiner von seinem Famulus gefasst haben, wenn er, zur Herstellung seiner geschwächten Gesundheit ein Bad aufsuchend, demselben die Befugniss erteilt, während seiner Abwesenheit in religionsgesetzlichen Fragen גשאלוו־ס zu entscheiden! Unser Famulus verfährt auch dabei so gewissenhaft, dass die übernommene Verantwortlichkeit ihn drückt, und er gesteht, wie er sich das Treffen korrekter Entscheidung viel leichter vorgestellt habe. Seine Stirn-