Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Isaak b. Mose Or Sarua
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Isaak b. Mose Or Sarua. anderen Gebieten menschlicher Geistestätigkeit nach weisen, ein ehrwürdigeres Beispiel aber als das der jüdischen Traditionswissenschaft kaum anführen. Die Continuität des Geistes ist als ein hervorragendes völkerpsychologisches Merkmal bei allen Völkern, die Bleibendes geschaffen, anzutreffen, ln so hervorragendem Umfange jedoch ist dieses Gesetz nur eine Eigentümlichkeit der jüdischen Volksseele. Es giebt kaum ein zweites Gebiet der menschlichen Geistestätigkeit, auf welchem die Individualität des einzelnen Schriftstellers so wenig zur Geltung gelangen konnte wie auf dem des Talmudstudiums. Jahrhunderte haben hier ihr Bestes geleistet, um den Weg der Halacha zu ebnen, den Text der Massichthoth zu weben, das Gesetz zu erklären. Die schriftstellerische Persönlichkeit des Einzelnen verschwindet hinter seiner Leistung und erscheint immer nur in der Vervielfältigung der Schüler. Der Mensch ist stets unendlich mehr als die Summe des von ihm Geschaffenen und Ausgegangenen. Suchen wir aber dennoch einen Mann, der die Alleinherrschaft für lange Zeit behalten hat, und an dessen Namen die Entwickelung der Traditionswissenschaft angeknüpft hat, so ist es merkwürdigerweise nicht Maimüni, der mit seiner »starken Hand« die Arbeiten von Jahrhunderten in einem Werke geeinigt hat, indem er das Zusammengehörige ordnete und einteilte und das Zerstreute sammelte und unterbrachte. Es ist und bleibt vielmehr Alf assi der Einzige, an den sich alle Compendien der tossaphistischen Schule angelehnt haben, gleich als ob es jenem ganzen Zeitalter nicht darum zu thun gewesen wäre, das Ergebniss der Halacha festzustellen und zu sichern, sondern nochmals den Weg zu gehen, den einst Jahrhunderte gewandelt sind. Alfassi hat auch in formaler Hinsicht streng die Einteilung des Talmud befolgt und sich selbst ganz im Hintergründe gehalten. Er lässt den Talmud sprechen. Das ist sein Verdienst. Maimüni jedoch tritt mit der ganzen Kraft seiner