Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 93 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. 93 richtigen Ziele herauszufinden, aber es will oft scheinen, als wenn sein Geist zu weitsichtig und ungestüm gewesen, um die kleinen Mittel und Hebel zur Erreichung seiner Absichten stets gebührend zu würdigen. Vorläufig suchte er Vergessenheit für die verunglückte Reise in seinen Studien. Er vertiefte sich jetzt in das Lateinische, las den Livius, Cicero’s de natura deorum, welches Buch ihm gewaltig imponirte, Virgils Äneide und Terenz’ Komödien, beschäftigte sich viel mitSchrökh’s Universalhistorie und mit seinem Wieland, dessen »Sympatien« »goldener Spiegel« u. a. ihn »ungemein ergötzten, erheiterten und beseligten;« nicht minder eifrige Sorgfalt widmete er dem Talmud, wie dem Hebräischen und war besonders emsig über die Exegese der »ersten Propheten« her. Sein unruhiges Gemüt, einerseits durch die Ratlosigkeit im Hinblick auf die Zukunft herabgestimmt und andererseits durch die kleinstädtische und enggeistige Umgebung zum Spott herausgefordet, entlud sich in allerlei übermütigen Streichen, wie solche im genialen Drang junger Jahre durchzubrechen pflegen. Er verspottete den Rabbiner, hänselte den Vorstand, bereitete dem Bürgermeister Verdruss, wusste aber stets heil davonzukommen, und erschreckte sogar die Eltern durch Anwand- Jungen religiösen Freimuts, ln den östlichen Gegenden ist es nämlich am Abend vor dem Rüsttag des Versöhnungsfestes Brauch, dass ein Mann einen lebendigen Hahn und eine Frau eine lebende Henne mehrere Male sich um das Haupt schwingt und in einem kurzen Gebet die Strafe für die Sündenschuld möglichst auf den unglücklichen Vogel zu übertragen wünscht. Graetz hatte kurz vorher erklärt, sich diesem »Kappores«־ Brauch schlechterdings nicht fügen zu wollen, man nahm indess seine Äusserung für eitel Ruhmredigkeit. Als jedoch die Abendstunde heran kam und man lange vergebens mit dem komisch feierlichen Akt auf das Erscheinen des ältesten Sohnes gewartet hatte, zürnte der Vater und