Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 91 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz, ein Lebensbild. 91 »darin ein, und so abtrünnig ich dem Talmud vorher ge- »wesen, so söhnte dieses Buch mich mit ihm aus, und ich »kehrte zu ihm, wie zu einer untreu gehaltenen, aber treu »gefundenen Geliebten zurück, nahm mir vor, ihn womög- »lieh zu ergründen, ihn philosophisch zu lernen und, da »mir Viele weiss machten, ich könne ein sogenannter stu- »dirter Rabbiner werden, dessen Wahrheit und Nützlichkeit »allen zu zeigen. Sogleich setzte ich mich daran, fing den »ersten Folianten ברכות an — und das erste Buch Moses, »mit grossem Vergnügen über jedes nachdenkend, nicht »wie über Altertumsmonumente, sondern wie über ein »göttliches dem Menschen Heil bringendes Buch. Dazu ־*kamen mir die wenigen Kenntnisse, die ich hier gesam- »melt, — worunter auch die Theologie, die ich jetzt erst »als eine Kenntnis beachtete, Geometrie, da ich von Eukli- »des beinahe die ersten drei Bücher gelernt, und Geschichte »— gut .zu statten«. Damit war aber in Wollstein seines Bleibens nicht mehr, denn der Ort hatte ihm nichts mehr zu bieten. Der Domizilwechsel eines Oheims, mit dem er seine beste Stütze verlor, die übliche Schwärmerei einer phantastischen Jugendliebelei, der die ernüchternde Enttäuschung gefolgt war, Konflikte mit Studiengenossen und Gönnern, welche von seinem disharmonischen Seelenzustand wohl mitverschuldet und durch Zuträgereien verschärft worden, erleichterten ihm den Entschluss, von dem Städtchen, das ihm wie eine zweite Heimat ans Herz gewachsen war, sich zu trennen. Doch wohin sich wenden, um das zu finden, was seine Seele suchte? Er verfiel auf Prag, das derzeitige Mekka der jungen jüdischen Theologen »eine Stadt, durch Gelehrsamkeit, Gastfreiheit und andere Vorzüge so sehr berühmt.« 3. Lehrjahre. So verliess denn Graetz im April 1836 Wollstein und