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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 90

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
48 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Heinrich Graetz
Date
1904-02-01
Page
Seite 90 (sequence 4)
Language
German
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90 Heinrich Graetz, ein Lebensbild. der Väter unversehrt erhalten wollte, an die veränderten Zeitverhältnisse jedes Zugeständnis verweigert, ja nicht einmal dafür gesorgt, sich mit modernen Waffen für die Abwehr zu versehen, und als die Bewegung immer drohender anschwoll, stand sie ratlos und unbeholfen da; weltfremd auf dem Gesellschaftsboden des Ghetto’s ruhend, eingesponnen in den talmudischen Gedankenkreis, erwies sie sich ausser Stande, dem Gegner einen wirkungsvollen Wortführer oder einen Regenerator entgegenzustellen. Was sie so lange schmerzlich vermisste, das schien nun mit einemmal in einem jungen Theologen erstanden zu sein. Samson Raphael Hirsch, Rabbiner zu Oldenburg, war in der genannten Schrift «Neunzehn Briefe» gewandt, beredt und tapfer für die volle Geltung sämtlicher Religionsgesetze eingetreten und verhiess, die alten Religionsformen mit neuem Geist zu beleben. Schon durch die Kühnheit, einen solchen Standpunkt mit allen seinen Kon- Sequenzen unumwunden zu vertreten, wirkte diese Schrift in jüdischen Kreisen geradezu als ein sensationelles Er־ eignis; in Graetz’ nach einem Halt suchendes Gemüt fiel sie wie ein Lichtstrahl, um ihn die Spur erkennen zu lassen, der folgend er seine Ideale finden sollte. Er selbst berich־ tet: «Oft sprach ich mit B. B. davon (nämlich von religi- »Ösen Zweifeln), denn nur vor diesem konnte ich über »solche Dinge meine Meinung äussern. Dann brachte er »vor, wie sehr eine Reform bei dem allmählichen Verfall »der Religion notwendig sei. Ich wusste aber, dass eine »Reform, das heisst Auslassung einiger mit dem Ganzen »verflochtener Gesetze, das ganze Gesetz auf heben würde. »Wie angenehm musste mir also ein neues Buch sein, »אגרת צפון Neunzehn Briefe über das Judentum, anonym», »worin ich eine noch nie gehörte oder geahnte Idee des »Judentums mit überzeugenden Argumenten fand, wie »dieses die beste Religion und zum Heile der Menschen »notwendig ist Mit gierigen Blicken sog ich die Sätze

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