Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 89 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. 89 servanzen ab, und noch mehr die kleinliche, geistesarme und formlose Art und Weise, mit der er sie in allen seinen Kreisen gewohnheitsmässig geübt sah. Weil er all dies auf den Talmud zurückführte, warf er einen Groll auf denselben, und seine Abneigung nahm noch mehr zu, wenn er in seinem Geiste Styl und Methode der ihm bekannt gewordenen vorzüglichen Litteraturwerke dagegen hielt und Vergleichungen anstellte, welche nicht zum Vorteil des rabbinischen Schriftwerkes ausfielen. Dazu kam noch ein Anderes: Bisher hatte er gedankenlos in den Tag hineingelebt oder vielmehr hineinstudiert; nun mag ihm wol von seinen Eltern und Verwandten die Notwendigkeit nahe gelegt worden sein, an einen Lebensberuf zu denken oder ein Brotstudium zu wählen. Einer so berechtigten Forderung konnte er sich zumal in seiner damaligen Gemütsverfassung gar nicht verschliessen, und brütend sann er oft über die Frage nach: was nun? und fasste und verwarf die seltsamsten Pläne. Da trat ein scheinbar geringfügiges Ereignis ein, welches jedoch den heftigen Sturm in seinem Innern beschwichtigte, das zwischen bedenklichen Klippen auf und nieder schwankende Schifflein seines Geistes flott machte und in günstiges Fahrwasser trieb; es war dies die Wirkung eines Büchelchens, das unter dem Titel ״אגרת צפון׳ »Neunzehn Briefe über Judentum, herausgegeben von Ben Usiel« eben damals erschienen war. Auf religiösem Gebiet hatten bislang die Männer der Reformpartei, welche die religiösen Gepflogenheiten und die herkömmlichen Satzungen des traditionellen Judentums als mit dem modernen Leben unvereinbar umgestalten und beseitigen wollten, das litterarische Feld beherrscht, das nachwachsende Geschlecht immer stärker zu sich herübergezogen und waren in ihrem Bestreben, die religiösen Besonderheiten möglichst zu verwischen, immer kühner und stürmischer vorgegangen. Dagegen hatte ursprünglich die Gegenpartei, welche den alten Glauben und Brauch