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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 88

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
48 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Heinrich Graetz
Date
1904-02-01
Page
Seite 88 (sequence 2)
Language
German
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Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. Nun aber geriet der junge Most ins Gähren und begann die federweissen Flocken aufzutreiben. Ganz und gar Autodidakt, hatte er sich planlos und unmethodisch der Lektüre hingegeben, wie ihn gerade der Zufall oder die Laune trieb, und dadurch einen sehr reichen, aber ebenso buntscheckigen Wissensstoff in seinem Geist aufgespeichert; ein chaotisches Gemisch unvereinbarer, disparater Ideen und Meinungen wogte durch seinen Kopf und setzte sein ganzes Denken und Fühlen in stürmische Wallung. »Durch »die verschiedenen, sich widersprechenden Meinungen, »heidnische, jüdische und christliche, epikureische, kabba- »listische, maimonidische und platonische, welche alle mei- »nen Kopf verdreht« — so schreibt er November 1835 in seinem Tagebuch — »wurde mein Glaube so wankend?gemacht, dass ich, wenn mich eine Idee von Gottheit, »Ewigkeit, Zeit u. dgl. anwandelte, mich in die tiefsten »Abgründe der Unterwelt hinabwünschte«. Obschon er mit seiner Stimmung und in seinen Gesinnungen ganz aus dem Gleichgewicht geraten war, so verlor er doch keineswegs den Halt; das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele blieben die unerschütterlichen Pole seiner Empfindungswelt, an denen er sich festhielt־ »Wie Furien« — heisst es bald darauf weiter— »rissen solche Gedanken »dann an meinem Inneren, wenn sie, wie oft geschah, sowol »durch meine Dürftigkeit, als durch dergleichen Lektüre auf »diese Untersuchung gebracht worden sind. Nur der heitere »sternbesäte Himmel, an welchem Sonnabends nach Son- »nenuntergang mein Auge mit Entzücken hing, frischte »das beseligende und erwärmende Gefühl auf: ׳— Ja, es ist »ein Gott dort über dem Sternenzelte!« Dagegen wurden ihm die alltäglichen Religionsübungen des Judentums, die er bis dahin mit skrupulöser Gewissenhaftigkeit respektirt hatte, wie er von frühester Jugend dazu angehalten worden, immer mehr verleidet; obschon er sie auch ferner nicht vernachlässigte, so stiess ihn doch die Menge der Ob-

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