Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 87 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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87 Heinrich Graetz. Sin Sebensbitö. Von Philipp Bloch, Posen. (Fortsetzung). Es ist geradezu erstaunlich, was Graetz alles in den 47g Jahren seines Wollsteiner Aufenthaltes zusammengelesen und zusammengelernt hat. Den meisten Fleiss verwandte er auf französische Sprache und Litteratur, welche damals hoch im Kurse stand und der er mit grosser Vorliebe oblag; mit den landläufigen Werken Voltaires, Rousseaus, Fenölons u. a., wie mit den Dramen von Racine und Viktor Hugo, hatte er sich völlig vertraut gemacht. Von deutschen Klassikern fesselte ihn neben Lessing, Mendelssohn, Schiller u. a. namentlich Wieland, mit dem er sich eitrigst beschäftigte; auffälligerweise ist in seinen Tagebüchern niemals von Goethe die Rede, als ob ihm dieser Geist, sei es durch Zufall oder aus anderen Gründen, fremd geblieben wäre. Dagegen wurde er in der letzten Wollsteiner Zeit auf die Schriften von Börne, Heine und Saphir aufmerksam, von denen der in ihm schlummernde Hang zu Spott und Ironie geweckt wurde. Die schwerste Qual hatte er mit den lateinischen Schriftstellern, doch bewältigte er den Cornelius Nepos, den Curtius, von Ovids Metamorphosen und Virgils Aene'fde mehrere Bücher. Dass er zugleich eine grosse Belesenheit im rabbinischen Schrifttum sich erwarb und auch das Talmudstudium nicht vernachlässigte, bezeugt die Auszeichnung, mit der ihn der Rabbiner Munk zu Neujahr 5595 (Oktober 1834) überraschte, indem er ihm den Chaber-Titel verlieh, mit welchem Titel in solchem Alter nur ganz begabte und würdige Talmudjünger ausgezeichnet wurden.