Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 523 (sequence 10)
- Language
- German
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Die Vorlesungen Harnaeks über das Wesen des Christenthunis. 523 Die Juden galten in den verschiedenen Landern als Eingewanderte und Fremdlinge. Sie waren es nicht, mehr wie Griechen und Römer. Aber diese gehörtenden herrschenden oder als hervorragend anerkannten Nationen an, und die Juden mir einem verlud tnissmässig kleinen, politisch, sowie durch Künste und Wissenschaften in keiner Weise ausgezeichneten Volke. Ihr kleiner Staat in Palästina hatte es gewagt, gegen Syrer und Griechen einen siegreichen Frei* heitskampf zu führen, und hatte gegen die spätere Herrschaft der Römer mehrfach in blutigen, schwer niedergoworfenen Aufständen sich erhoben. Siege wie Niederlagen mussten aut die Beziehungen der Glaubensgenossen, die unter jenen Völkern lebten, zu ihren mächtigen Herren starke und nachhaltige Rückwirkungen haben. Und jene selbst wagten es, mitten unter den verschiedenen heidnischen Völkern, nicht nur ihre religiöse Eigenart festzuhalten und ihren Gott stolz 7.11 bekennen, sie machten auch aus ihrem Urtheiie über die verschiedenen GöttercuUe keinen Hehl. Dieses Bekenntnis^, wie die Erfolge, die es in weiteren Kreisen hatte, erweckte ihnen vielerei Feindschaft, die Angrille litterarischer Vertreter der Aegyptur, Griechen und Römer, Beschränkungen und Eingriffe einzelner .Machthaber in ihre bürgerlichen Rechte und erzeugte unter den Massen die manigfachsten Verdächtigungen der ״gottlosen״ Juden1 2 ). Der Spott beitete sich an ihre besonderen Sitten, den Sahbath, die Speiseseaetze und die Beschneidung. Noch stärker als dieser Hohn war aber die religiöse und nationale Eifersucht. — Die Christen, die jene besonderen Sitten aufgegeben haben, haben Jahrhunderte lang, bis sie selbst zur Herrschaft gelangten, unter den gleichen Angriffen, Verdächtigungen und Verfolgungen zu leiden gehabt und die gleiche Beurtheilung erfahren-). Der spöttische Ton des Homz über den religiösen Eifer und die Gläubigkeit der Juden tritt uns, nur in erweiterter Form, in den Urtheilen des Lucian von Samosata über die Christen entgegen3). Und die oben erwähnte Verwünschung der Juden durch Seneca und seine Klage, dass die Besiegten den Siegern ihre Gesetze auferlegt haben, wiederholte dreihundertfünfzig Jahre nach ihm 1) Jof, c. Ap. I, c 21 u. 25; Antt. XVI, 6. Vgl. Joel, Blicke II, 108 ff. 2) Vgl. Haxnack, d. Mission, S. 197 ff. u. 349 ff. 3> Hör. Sat. I 5, luO u. 9, 70; vgl, Baur a. a. 0. S. 396 ff.