Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 440 (sequence 7)
- Language
- German
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440 Die Vorlesungen Harnacks über »las Wesen des Christentliums. einen grossen Werth bei/ulegen. Den Sabbath und die übrige jüdische Lebensweise behielten sie, wie jene, bei, doch feiern sie den Sonntag auf dieselbe Weise, wie wir, zur Errinnerung an die Auferstehung Jesu. Ein solches Betragen war die Ursache, dass sie den Beinamen Ebionäer erhielten, welcher die Dürftigkeit ihrer Erkenntniss anzeigt. So heisst nämlich ein Dürftiger auf hebräisch“. Derart wurde also der Namen Ebion ״Armer“, der für die ersten Christen eine ehrende und erhebende Bedeutung gehabt hatte, zu einem Spottworte im Sinne eines ״Armen au Geist“ und diejenigen als Ketzer, ״irre ge führt v 0 n einem bösen Geist“, erklärt, welche das Bild treu fest ge halten hatten, das die ersten J ü n g e r Jesu v o n ihm empfangen hatten. Bei aller Bewunderung seiner Person und Keiner Thaten hatten die, die mit ihm umgingen, mit ihm assen und tranken, die menschlichen Züge an ihm nicht übersehen können. Als ein Mensch, wenn auch zum Himmel erhoben, stand er vor der Seele ihrer Nachkommen. Sein Bild mochte in der Folge der Zeiten sich immer mehr verklären, aber zum Gotte konnte er diesen Judencii risten niemals werden. Den phrygischen, griechischen und galatischen Gemeinden dagegen wurde Jesus bereits als ein ausserordentliches göttliehe?, vom Himmel herabgestiegenes Wesen verkündigt und sie nahmen ihn in gleicher Weise in ihren, von den Bildern der verschiedenartigsten Göttergestalten erfüllten Yorstellungskreis auf und gestalteten ihn nach deren Aehnlichkeit. ״In gleicher Weise“, sagt Renan, der diese genetische Erklärung der verschiedenartigen Auffassungen, welche das Bild Jesu erfahren hat, entwickelt1), ״ist auch der Prophet Mohammed, dessen Legende bei den Arabern rein menschlich ist, bei den Schiiten Persiens und Indiens ein vollkommen übernatürliches Wesen, eine Art Wischnu oder Buddha“. Der Glaube an die göttliche Natur Jesu drang immer siegreicher vor; in ihm einigten sich Syrer, Griechen und Lateiner, aus ihm erwuchs die katholische Kirche, und diese ward die herrschende Religion des römischen Reiches. Die Judenchristen aber, die bei der ursprünglichen Gesta.lt des Christenthums verharrten, wie es von Jesus gelehrt und von seinen unmittelbaren Jüngern als religiöse Gemeinschaft begründet worden war, נ) Der Antichrist, deutsch übers. 66 ff.