Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 11)
- Language
- German
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260 Die Vorlesungen Harnacks über das Wesen dos Christen(;hums. taments schwebt haltlos in der Luft und zerflies8t in flüchtige, ihre Gestalt immer wieder verändernde, Nebel. ״An nichts hat Jesus weniger gedachte sagt A, Jülicher, ״als diese heiligen Schriften zu ergänzen oder zu verdoppeln; nie hat er die Feder in die Hand genommen und auch seine Jünger nicht mit solchen Aufträgen bedacht .... Auch Paulus wollte nicht eine neue heilige Literatur schaffen; nur Gelegenheitsschriften hat er geschrieben, lediglich einen augenblicklichen Ersatz seines persönlichen Auf- und Eintreten8 für bestimmte Situationen erstrebte er mit seinen Briefen; dauernde Aufbewahrung bis zum Weitende, weitere Verbreitung in der übrigen Christenheit, Vorlesung in den Gottesdiensten anderer, womöglich gar ihm fremder, Gerneinden, Gleichstellung mit Propheten und Psalmen zu fordem, ist ihm nie in den Sinn gekommen“1). Das Alte Testament war somit die erste und lange Zeit einzige heilige Schrift der Kirche. Erst im 2. Jahrhundert bildete sich durch das Bedürfnis und Gefühl eines eigentümlich Christlichen eine dem Christenthum eigenthümliche heilige Schrift aus Denkmälern seiner Gründungszeit, wie den verschiedenen Berichten über das Leben Jesu, von denen vier, die sogenannten Evangelien, geblieben sind, und aus den Briefen der Apostel, von denen nur wenige echt sind, und von denen einige erst im 4. Jahrhundert aufgenommen wurden2). 9. Wie für die Lehre von Gott, so ist für die Gebote des Rechtes, der Sittlichkeit und der Nächstenliebe die Grund quelle des Christenthums das Alte Testament gewesen und geblieben. Was Jesus dazu noch weiter gobracht hat, das hat zumeist nur hinter verschlossenen Klostermauern Befolgung gefunden und auch da nur in beschränktem Maasse. Seine Lehren, auch den Feind zu lieben, dem Uebel nicht zu widerstreben, demjenigen, der uns auf die linke Wange schlägt, auch die rechte hinzureichen, erscheinen uns wie verlorene Klänge einer fernen Welt, wenn wir. an die ganze Entwicklung der Geschichte denken, seitdem das Christenthum eine weltbeherrsehende Religion’geworden ist, wenn wir in's Auge fassen, dass h e u te noch die beste christliche Gesellschaft denjenix) Einleitung in^das N. T. 1894 § 34. 8) Base, Lehrbuch der Kirchenge&ck. 1877, S. 46 u. 64. Hagenback, Kirchengeseb. 4. Aufl. S. 274.