Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1903-01-01 · Heft 3 · p. Seite 258

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
47 (1903)
Issue
Heft 3
Article
Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
Date
1903-01-01
Page
Seite 258 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2829132-2829768-2829772-2884554--32076-2884631
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

258 Die Vorlesungen Harnacks über das Wesen des Cbristenthums. zur socialen Frage, zum Recht, oder der Frage nach den irdischen Ordnungen, zur Arbeit oder der Frage der Cultur. Auf keinen Fall kann Jesus als ein socialer Reformer bezeichnet werden• Er gleicht nicht den grossen Propheten Israels, ״die über die Könige und die Fürsten, die Priester und da3 Volk“ gesprochen haben. Sein Blick hat nicht, wie der ihrige, die Verhältnisse des Staates und der Gesellschaft umfasst, sie im Ganzen, wie im Einzelnen mit dein Mass* stabe des Rechtes gemessen. Er hat nicht an die Grossen und Mächtigen seine strengen Forderungen gestellt, die harten Gebote der Pflicht an jeden Einzelnen gerichtet. Ihm Ingen Gedanken fern, wie die Abschaffung der Sklaverei ins Auge zu fassen, die ihm nicht selten zugeschrieben werden. In den Evangelien kommt, überhaupt keine Skiaverei vor — in den einfachen, bäuerlichen und kleinbiirgerliehen Verhältnissen der Juden in jener Zeit, war für solche selten Verwendung vorhanden — erst Paulus erwähnt Sklaven in Ephesus1). Und die spätere Kirche sah in der Sklavorei einen natürlichen Stand3). Jesu Reich war in der Thafc nicht von dieser Welt, sondern mehr im Gebiete der Phantasie und der Stimmungen des Gemütes. Darum lautet die von Harnack angeführte Klage ״ernster Männner ausi den Kreisen der National- Socialen und verwandter Richtungen heutiger Zeit, die sich gerne von Jesus Christus weisen lassen wollen, dass das Evangelium sie in ihrem Kampfe für die Rechte der Arbeiter im Stiche lasse: ״Es halte ein Streben nieder, dessen Berechtigung sie mit gutem Gewissen empfinden, mit seiner Forderung der unbedingten Sanftmuth und Ergebung entwaffne es jeden, der kämpfen will, und narkotisiere gleichsam alle lebendig'e Thatkraft“. Sie sagen es mit Bedauern und Schmerz, Andere mit Genugthuung. Diese erklären: wir haben es immer gewusst, das Evangelium ist nicht für die gesunden und starken Menschen, es ist für die Blessierten, es weiss nichts davon und will es nicht wissen, dass das Leben, zumal das moderne ein Kampf ist, ein Kampf für das eigene Recht8). 8. Diese Klage ist ein Ausdruck der derjenigen christlichen l) Tim 6,1 f. _ 9) Harnack, die Mission u. Ausbreit» d. Christenthums in den 3 eisten Jahrh., S. 124. a) Das Wesen des Christenth. S. 73.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.