Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 252 (sequence 3)
- Language
- German
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252 Dio Vorlosutigen Harnacks über das Wesen des Christenthuma. 'י•- r Schau getragene Frömmigkeit, die Selbstgerechtigkeit und das hochmüthige Herabsehen auf Anden! — Pharisäism u 8. Ihre Verurthcilung erstreckte sich dabei häufig mehr aut die Personen, d. h. die Pharisäer und die Juden überhaupt, als auf dio gerügten Eigenschaften. Diese haben in den christlichen Kreisen mindestens ebensosehr sich ent־׳ wickelt, wie in demjenigen, dessen Namen sie tragen, in ihren allgemein menschlichen, wie in den religiösen Verhältnissen. ״Nur wer die richtigo Lehre hat, kann selig werden, wer sie nicht hat, ist auszustossen und soll aller Rechte verlustig gehen“, so charakterisirt Harnack die Anschauung der griechischen Kirche. ״Aller Glaube, alle Liebe, alle Tugenden, selbst die Martyrien sind ausserhalb der Kirche wertlos“ so erklärt er von der römischen. Und auch vom Protestantismus klagt er, dass nach der Reformation immer mehr ״das schlimme Missverständnis« sich einbürgerte: W ir sind die wahre Kirche, weil wir dio rechte Lehre baten“, sowie weiter ״über die bösen Folgen der Selbst- Verblendung und der Intoleranz“1), lind heute entfaltet sich die Selbstgerechtigkeit und die hochmüthige Gering- Schätzung Anderer in dem Rassendiinkei, der den Semiten jeden höheren YVerth und alle besseren Eigenschaften abspricht und angesichts der nicht zu bestreitenden Thatsache, dass das Christenthum aus dem Judenthum•' entstanden ist, Christus ohne Weiteres zum Arier macht. ״Sic volo, sic jubco, stat pro rationo voluntas“. 4. V/endon wir uns aber nun von der herkömmlichen Schablonenvorstellung eines Pharisäers den reichlich er״ haltenon Zeugnissen zu, in denen sie selbst zu uns sprechen, so tritt'uns ein ganz anderes Bild, insbesondere eine grosse Mannigfaltigkeit von Individualitäten, Temperamenten und Charakteren entgegen: Männer der Welt und solche, die nur in der Stille ihrer Klause, oder im Lehrhause sich wohl fühlen, ascetische und lebensfrohe Naturen, Mystiker U£.d Rationalisten, schwermüthige Denker und sinnige Gemüter, stolze Herren und bescheidene Handwerker, kampfeseifrige und leidenschaftlich aufgeregte Menschen, wie solche von ruhiger, stetiger, liebevoll auf das Kleine und Einzelne zugewandter Wirksamkeit. Als den bei ihnen vorherrschenden Grundzug können wir aber doch den der Friedfertigkeit, der Sanftmut!! 1 ׳) Vorles. üb. <1. Wes. d► Chr. S. 150. 158. 184.