Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 251 (sequence 2)
- Language
- German
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Dio Vorlesungen Ifarnacks über das Wesen dos Christenthums. 251 Schuld bereut hat, zu sprechen : ״gedenke dessen, was du früher' gethan“ und den der Seligkeit für unwerth erklärt, ״der sich Ehre zu verschaffen sucht durch Herabsetzung Anderer“. Und der Schlusssatz der Parabel Jesu findot sich nahezu gleichlautend im Talmud mit den Worten ״wer sich selbst niedrig stellt, den erhöht Gott und wer sich hochstellt, den erniedrigt er“1 2־). Die Schrifbgelohrten haben ferner denjenigen, ״der von seinen Sünden zum Guten sich erhöht, als grösser bozoichnet, wie den vollendeten Gerechten“ und in Bezug auf dio freiwilligen religiöson Lcistungon gelehrt, ״mag der Eine mehr, der Andere weniger thun, wenn nur das Herz auf Gott gerichtet ist“. ״Dieses ist es vor Allem, was Gott von denen, die ihm dienen wollen, verlangt“צ}. Es entsprach dem didaktischen Zwecke dioser Er» Zahlung, dass Jesus als Vertreter einer, hoi aller Beobach״ tung der vorgeschriebenen Pflichten, ihrem wahren Ziele fer״ nen Frömmigkeit einen Pharisäer wählte, wie in der ähnlichen Parabel vom barmherzigen Samariter3) als Beispiele der Unbarmherzigkeit einen Priester und einen Leviten. Beide Pa״ rabcln wollen dio Lehre geben, dass auch die Angehörigen solcher Stände, deren Beruf ihnen besonders hohe und hoilige Aufgaben zuweist, oft die einfachsten Pflichten nicht erfüllen, oder der wahren, lauteren und guten Gesinnung ermangeln, und dass andererseits Menschon solche hokunden und als gütig und liebevoll sieh erweisen, von denen wir es am wenigsten erwartet hätten4). Beide Erzählungen geben uns nicht T h a t s a c 11 0 n der Erfahrung, 8 i 0 8 i n d keine persönlichen Erlebnisse Jesu, sondern Parabeln, Dichtungen, ersonnen für ihren lehrhaften Zweck״ Darüber ging die spätere christliche Auffassung zumeist hinweg und fasste sie als charakteristische Schilderungen der Pharisäer, wie der Priester und Leviten auf. Sie bildete sich daraus ihr abstossendes Bild von diesen und nannte dio Heu״ chelei und die Scheinheiligkeit, dio äasserliche und zur *) Talm. b. Sota 22b, Aboda sara 20b, Baba me2ia 59a und Mischna 4, 10. Midr, Ber. rabba c. 1. T. b, Erubin 13b, 2) T. b. Sanuedrin 99a, Menachot 110a, Boraoh. 5b, 17b, Sanhedrin 106b. Lucas 10, 30—37, 4) Eine Reihe ähnlicher ErzühLuugen s. Talm. Jer. Taanith 1, 4, Babli 20—25.