Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Judenthum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 14)
- Language
- German
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244 Das Judenthum im neutestaraentl. Zeitalter in christl. Darstellung. die historischen Beziehungen allein schwerlich Dauer verschafft haben würden, durch ihre Verbindung mit den Vor׳• gängen in der Natur einen sich stets erneuernden poetischen Heiz erhielten, der ihren Bestand sicherte, so wird auch die Halacha durch die Verbindung mit der Haggada belebt, idealisiert und poetisch verklärt. Eine der ältesten Haggada- Sammlungen hat ans noch die Form der Lehrvorfcräge aufbewahrt. Sie begannen damit, dass aus dem Zuhörerkreise eine gesetzliche, rituelle oder ähnliche Frage gestellt wurde, welche der Vortragende zum Anlass nahm, ethische Anregungen zu geben und sie durch Gleichnisse zu exemplifizieren (vrgl. Midr. Tanchuma, ed. Buber, Ein!. S. 15). Jüan muss sich 80 das jüdische Lehrwesen ausgcfüllt denken von einer Gedankenwelt, die alle Lebensfragen umfasste und Geist und Gemüth gleichmässig beschäftigte und erhob. Nur Unkenntnis kann behaupten, dass die jüdische Lehre der letzten vorchristlichen Jahrhunderte in einen Erstarrungs- oder Versteineruiigsprocess versunken gewesen wäre. Das Gegentheil ist der Fall, wofür ich schon auf die Selbsterhaltung des Judenthutna inmitten der griechischen und römischen Welt verwiesen habe. Hier, im vorchristlichen Judenthum, zeigt sich keine Spur des ״Halb zog es ihn, halb sank er hin“, wie in dem Christenfchum, das nach den schon erwähnten Worten B.’s, bezüglich des Sacrumentswesens, aber auch anderweitig, ״der es umgebenden religi- Ösen Welt seinen Tribut zahlte״, sondern inan wahrte seine Unabhängigkeit und liess sich auf keine Compromisse ein, was nur bei lebensvoller Energie möglich gewesen ist. Gerade vermöge dieser ihm innewohnenden Energie hat das Judenthum es vermocht, das Leben, wie es nun einmal ist, unter seine Botmässigkeit zu bringen, ihm aber zugleich Aufschwung eingeflösst. Das Leben hat seine Härten, Ecken und Kanton, welche gesetzliche Abgrenzung erfordern, die Beziehungen der Menschen zu einander bedürfen der Ordnung, für die mannigfachen Verwickelungen muss eine Lösung gefunden werden, damit * die Gesellschaft nicht in Streit and Hader sich aufreibe, endlich bedarf auch die gemeinsame religiöse Ueberzeugung eingehender Fürsorge, die darauf bedacht ist, schädliche äussere Einflüsse von ihr abzuhalten' und sie im Inneren zu befestigen. Diesen NothWendigkeiten ist das Judenthum der vorchristlichen Jahrhunderte nicht aus dem Wege gegangen, es hat ihnen