Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Judenthum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 241 (sequence 11)
- Language
- German
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Das Judenthum im neutestamonti, Zeitalter in chriatl. Darstellung. 241 gelangt man zur Erkenntnis, dass derselbe auch den Verfassern der vorhandenen Evangelien nicht mehr bekannt war. Dieser Punkt ist von grosser Wichtigkeit für die Entscheidung der Frage, inwieweit die Evangelien, abgesehen von ihrer polemischen Tendenz, von der schon die Rede war, als Quelle für die Darstellung des vorchristlichen Judenthums dienen können. Es kann seit dem Erscheinen von Geigers Schrift: ״Sadducäer und Pharisäer“ (Breslau 1865) für jeden Unbefangenen als ausgemacht gelten, dass man von den Intentionem dieser Parteien aus den Evangelien kein richtiges Bild gewinnt. Hierüber ist also weiter kein Wort zu verlieren. Dagegen soll auf einige Punkte hingewiesen werden, welche darthun, dass den Mittheilungen der synoptischen Evangelien überhaupt, soweit sie sich auf jüdische Verhältnisse beziehen, jene Patina oder Färbung mangelt, welche dem Historiker die Ueberzeugung aufdrängt, dass er es mit wirklichen Erlebnissen zu thun habe. Sie enthalten, was das Judenthum betrifft, eine stylisierte Darstellung. Oder wie käme es sonst, dass trotz der Häufigkeit der Begegnungen und Wechselreden Jesu mit Sadducäeim und Pharisäern von diesen nicht ein einziger, sage nicht einer, namhaft gemacht wird. Die Ab״ fertigung, welche ihnen Jesus nach den Evangelien ertbeilto — wobei er übrigens Anschauungen verlautbarte, die auch dem Talmud geläufig sind —, würde doch an Gewicht zunehmen, wenn man erführe, dass derjenige, der sie erhielt, einer von den bedeutenden Lehrern des Judenthums war, woran zu Jesu Zeit kein Mangel gewesen sein kann. Aber es treten immer die Pharisäer, die Sadducäer, die Schriftgelehrten, einige Male auch etliche von ihnen auf, und diese summarische Bezeichnung kann doch nicht als Merkmal der Actualität angesehen werden. Hierzu kommt, dass öfters von Pharisäern und Schriftgelehrten, als von verschiedenen Gruppen, oder von einem gemeinsamen Auftreten der Pharisäer und Sadducäer die Rede ist, was alles nicht von wirklicher Kenntnis der jüdischen Verhältnisse zeugt. Nimmt man diese Momente zusammen, dann wird man sich der Ueberzeugung nicht verschliessen können, dass den Verfassern der vorhandenen Evangelien die thatsächlichen Zustände im vorchristlichen-Judenthum nicht mehr bekannt waren, sie standen selbst schon ausserhalb desselben und mit der Entfremdung von ihm war ihnen auch das Verständnis dafür -verloren gegangen, wofür auch manche MisVerständnisse Sfanataeohrlft, 47, Jahrgang, 16