Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Judenthum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 9)
- Language
- German
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Das Juden tlium im noutostamontl. Zoltalter in christi. Darstellung. 230 sponnene, . weltfremde Gelehrte vorzustellon und von ihrer Thätigkeit, die durch tausend Fäden mit dem grossen Fragen der Politik und des Lebens verbuchten war, als von schulmeisterlicher ״Arbeit, der Gesetzesauslegung״ zu reden. Man muss vielmehr an die Spannung der Gemüt-hor, dio lebhafte Bewegung der Geister, die Entfesselung der Leidenschaften und die Partbikämpfo denken, deren Schauplatz die Pariamente alter und neuerer Zeit waren und sind, um sich von der Natur der Verhandlungen und Beratschlagungen einen Begriff zu machen, aus denen zuletzt die Gesetzsammlung der Mischna hervorgegangen ist. Wenn B. von ihr sagt, dass sie ״fast nur trockenste Auslegung des Gesetzes in allen_ seinen Details״ enthalte, so ist daran zu erinnern, dass die modernen Gesetzsammlungen, die Frucht der Parlaments- Verhandlungen, auch keine Uiitorhftltungslektüro bilden. Man müsste die stenographischen Protokolle zum Vergleiche heranziehen, in welchen die Spuren der abgehaltenen Rede• lourniere und Geisteskämpfe sichtbar sind, aber Protokolle wurden damals nicht geführt׳, nichts wurde aufgeschriobon, alles vertraute man dem Gedächtnis und der mündlichen Ucberlieferung, und so hat erst der Talmud eine freilich sehr knappe und abgekürzte Darstellung jener parlamentarischen Verhandlungen■ verewigt. Dass diese grösstenteils, keines- Wegs immer, im Lehrhause stattfanden, berechtigt nicht dazu, ihre Bedeutung auf das Niveau von akademischen oder schulrnässigen Discussionen herunterzuschrauben, denn der Ort thut nichts zur Sache, die Verhandlungen erhielten ihre Tragweite durch sich selbst. "Will man nun eine Dar- Stellung des vorchristlichen Judcnthums gehen, 80 ist es, wie jeder sieht, uuerlässlioh, den Talmud nach allen Riehtungen hin zu durchforschen, also auch in die verschlungenen halachischen Verhandlungen sich zu vertiefen, nur auf diese Weise kann man das Material der Vorzeit, das hier, um mit B. zu reden, ״eingesprengt und eingebettet ist״, wieder zu Tage fördern und aus den knappen. Umrissen ein Bild von der Entwickelung und dem Wesen des Judenthums gestalten. Die christlichen Darstellungen aber kehren dieser, allerdings schwierigen Aufgabe consequonfc den llückon, was zur Folge hat, dass an dem von ihnen entworfenen Bild dos Judentbums wesentliche, ja man kaun sagen, die wesentlichsten Züge fehlen, vor Allem aber ist es der grosse Zug des Lebens, der in jenen Schilderungen gänzlich vermisst wird,