Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Judenthum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 234 (sequence 4)
- Language
- German
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234 Das Judenthum im noutestamentl. Zeitalter in christl. Darstellung. führen, auf Jesus an. S. 22 sagt er: ״Er lebte in der Religion und sie war ihm Atmen in der Furcht Gottesa, und S. 33: ״Er atmete in der Gegenwart Gottes“. In diesem Filde bat der Prophet des Volkes Israel das wahre Wesen, der Religion und Förmmigkeit treffend veranschaulicht, und wenn auch der genannte Gelehrte sich nicht damit begnügt, jenes Bild auf Jesus anzuwenden, sondern die Schriftgelehrfcen dabei als Folie benützt, so bleibt es trotzdem ausser allem Zweifel, dass es in ihrem Leben vor und nach Jesus sich verwirklichte, was ja auch erklärlich ist, wenn mau bedenkt, dass sie ihren Jesaias kannten. Ihr ganzes Leben war Reiigion, die Beschäftigung mit der Thora ihre Lebenslust, jede Lehre, ja jedes Wort darin wurde ausgesponnen und ausgesonnen, und so konnte es allerdings nicht ausbleibcn, dass, was auf diese Weise als Ergebnis der Forschung sich herausstelltc, zu einem grossen Umfange anwuchs und auch für die Praxis Geltung erlangte. Doch darf man das Judenthum nicht bei diesem Ende fassen, um von seinem oigentliehen Wesen einen Begriff zu geben. Wer dies thut, gleicht Einem, der einen ehrwürdigen, aus mächtigen Quadern in kunstvollen Formen errichteten Palast von der Rückseite und durch Vorführung von allerlei Räumlichkeiten und Gelassen darstelleu wollte, die allerdings dazu gehören, aber auf das Imponierende des Bauwerks weder durch ihre An- Wesenheit noch durch ihre Abwesenheit Einfluss üben. Und doch beherrscht dioso Methode alle christlichen Darstellungen des Judenthums im noutestamentlichen Zeitalter, in denen es deshalb von angeblichen Absonderlichkeiten und Wunderlichkeiten der jüdischen Religion wimmelt. Auch Bousset (S. 108) kann sich der Anmerkung nicht enthalten : ״Bekannt ist die Streitfrage [zwischen den Schülern Hillelsund Schammais], ob man ein Ei essen dürfe, das ein Huhn am Sabbat gelegt habe. [Nämlich am selben Tage, oder an dem darauffolgenden Feiertage.] Um :ähnliche Minutien drehen sich last aile Fragen“. Nun besteht zwischen der Frage, ob man dieses Ei essen dürfe oder nicht, und der Frage, ob sich Brot und Wein des• Abendmahls in Fleisch und Blut Christi verwandeln oder nicht, vom Standpunkte des frommen Gemüths gar kein Unterschied, vom Standpunkte des unbefangenen Geschichtschreibers aber der, dass über die letztere Frage mehr geschrieben, heftiger gekämpft worden, auch *mehr Blut geflossen ist, als über die erstere* deretwegen nie einem