Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Judenthum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 233 (sequence 3)
- Language
- German
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Dag Judenthum im neu^estamentl. Zeitalter in ehriatl. Darstellung. 233 theoretischem Antmomismus bezeichnet, der niemals anderweitig erreicht, geschweige übertroffen wordon ist, wurde vom Talmud selbst (Makk. 24a) unbedenklich registriert, findet aber in keiner christlichen Darstellung des Judenthums im neute8t!1mentliohcn Zeitalter Beachtung, obwohl der Gedanke, wenn auch von ß. Simlai zuerst weitläufiger ausgeführt, doch ohne Zweifel nicht von ihm zuerst erdacht wurde, sondern auf gleiche ältere Anschauungen zurückgeht. Dieser Gedanke ergiebt sich auch aus dem angegebenen Charakter des Judenthums von selbst. Demnach ist nicht richtig, was 13. S. 170 sagt: ״Das Judentum ist seinem Charakter nach vorwiegend eine Religion der Praxis und des Handelns. Alle Reflexion über den Glauben tritt vor der einfachen Praxis zurück. Religion ist Unterweitung des Willens unter Gott, ist Gehorsamleistung*. Gerade das Gegentheil ist das Richtige. Das Judenthum ist zunächst nicht eine Religion der Praxis und des Handelns, es ist allerdings auch .nicht eine Religion des Glaubens, wie es ferner nicht eine Religion blinder GehorsamLeistung gegen Gott ist, sondern das Judenthum ist zunächst eine Religion des Lernens und Forschons, und es beeinträchtigt die Bedeutung dieser Denkthätigkeit nicht, dass ihr Gegenstand die Thora ist. ״Das Forschen (תלמוד) in der Thora geht über Alles״ (M. Peah I,) d. h. über alle religiöse Bethätigung, ״das Forschen in der Thora ist von grös 8er em Wert he als das religiöse Handel nu (Kiddusch. 40b) — dies sind so bekannte Lehrsätze, dass man sie nur anzuführen braucht, um die obige Charakteristik, welche B. von der jüdischen Religion giebt, als völlig verfehlt zu erkennen. Damit hängt zusammen, dass die biblischen Ausdrücke für Gerechtigkeit und Gesetz (מצוה ,צדקה) im Judenthum zu Bezeichnungen für dem freien Ermessen überlassene gute Handlungen sich erweicht haben, denn mit der Forschung verträgt sich kein Zwang, sie weiss nichts von Unterwerfung und Gehorsam, was nicht ausscbliesst, dass man, was man mittelst der Forschung in der Thora als der Ausübung werth erkannte, auch wirklich ausübte, aber nicht aus blinder GehorsamleistuBig, sondern auf Grund gewonnener Erkennfcniss, wie man an erprobten Heilmitteln nicht aus stumpfer Fügsamkeit, sondern weil sie eben erprobt sind, festhält. Dennoch war und blieb das Lernen und Erforschen der Thora der Grnndzug. Harnack (Wes. d. Chr.) wendet zwei Male eine Stelle aus Jesajas (11, 3), ohne sie anzu-