Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 10)
- Language
- German
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Die Vorlosungon Ilarnacks über dhs Wesen des Christenthums. 145 dorn Feinde gegenüber hat das christliche Gebot, ihn zu ,lieben, auch ׳nichtgeführt. Aus der Donk-, Gefühls- und Anschauungsweise seines Volkes und insbesondere von dessen geistigen Führern, den Schrift-gelehrten, sind auch die Aussprüche Jesu über andere Beziehungen und Verhältnisse des Lebens zu erklären. Was er über den Zorn und die Schmähung des Nächsten sagt, über dio Pflicht der Bitte um Verzeihung wie über die der Versöhnlichkeit und der Nachsicht auch gegen dio Ungcrechten, über dio Freundlichkeit und dio stille Wohlthätigkeit, über dio Pflicht, den Bruder wegen seiner Sünde zur Hede zu stellen, aber auch der eigenen Fehler eingedenk zu bleiben, jeden Menschen nach seinen Thuton zu beurthcilen, behutsam und milde im Gerichte zu sein :-das stipnnt nicht nur im Gedanken, sondern seihst in der A usd rucksform, in Bildern und Gleichnissen mit den verwandten, im talmudischen Schriftthum überlieferten Lehren und!Sprüchen überein1). In der Warnung vor dem Schwören, sowie vor den Gelöbnissen, in der Mahnung ״eure Rede sei ja ja, nein nein“, in der Erklärung, dass es schon Ehebruch sei, ein Weib auch nur begehrlich anzublicken, theilto er die Meinung anderer Schrift-gelehrten. In der Bestimmung, dass eine Scheidung der Ehe nur zulässig sei im Falle der Unzucht, schloss er sich der Ansicht dor strongoren Schule SehammaPs an, während die Schule Jlillels, unbeschadet ihrer nicht geringem Achtung vor der Heiligkeit der E110, dio Scheidung auch in leichteren Fällen gestattete. Auch die moderne Gesetzgebung hat dieser Anschauung im Gegousatze zu derjenigen Jesu sich zugowandt. S. Wie haben wir uns aber bei so weitgehender Uebo r״ oinstimmungJdsu mit den Pharj'ßiiorn und tächrift.gelehrten den heftigen Kampf zu erklären, (kn er gegen sie unternahm, wie auch den scharfen Gegen- 8atz, in den er seine Lehren gegen ihre Lehren stellte, und in dem ir in der Bergpredigt öfters spricht ״euch i 8 t ge sagt worden.... ich aber sage euch״? Dieser Kampf war von vornherein nicht vorhanden. Wenn Jesus gegen einzelne rabbinische Satzungen sich wandte, l) S. Die näheren NuchweUungen bei Wünsche: ״Neue Beitrage zur Erläuterung der Evangelien aus Talmud und Midrasch“, insbesondere die Parallelstelleix 2ur Bergpredigt. Vgl. auch dio Note 1\x dessen Vorwort. 2£on»ts«ohrift, 47, Jahrgang. 10