Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 9)
- Language
- German
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144 Dio Vorlesungen Harnacks über das Wesen des Cliristonthums. Das war bereits durch die Thora geschehen, die in demseihen Kapitel in dem sie die Nächstenliebe gebietet, noch vorschreibt: ״wenn sich bei dir ein Fremdling aufhält in eurem Lande, so sollt ihr ihn nicht bedrücken. W i e der Einheimische unter euch 8011 euch der Fremdling sein, der sich bei euch auf hält. Du sollst ihn lieben, wie dich selbst. Denn ihr selbst seid Fremdlinge gewesen im Lande Aegypten, ich bin der Ewige, euer Gott1״). Das hebr. Wort רע bezeichnet ja auch einfach ״den Genossen* *4, denjenigen, mit dem wir Zusammenleben. Und es im umfassendsten Sinne anzmvenden, liegt im Wesen einer Religion, die die Schöpfung aller Menschen im Ebenbilde Gottes wie ihre Abstammung von einem Stammvater lehrt und deren Hoffnung für dio Zu• kunft dahin geht, dass sie einst in der Verehrung Gottes und in den Werken friedlicher Arbeit vereinigt werden2). — Hilfe und Beistand hat das jüdische Gesetz auch dem in Notli befindlichen Feinde gegenüber geboten3) und seine Spruchredner haben gemahnt: ״Sprich nicht, wie er mir gethan, so will ich ihm thun; ich will Jedem vergelten nach seinem Thun״ .״Wenn deinen Feind hungert, speise ihn mit Brot, wenn ihn dürstet, gib ihm Wasser zu trinken. Denn Kohlen scharrst du auf sein Haupt und der Herr wird es dir vergeltenu4>). Aber das Judenthum hat allerdinga nicht geboten, den Feind zu liebe n. Es hielt ein solches Gebot für unerfüllbar, die Empfindung der Liebe denjenigen gegenüber, die uns fluchen, hassen, schmähen, zu vernichten suchen, für unmöglich, ein dahin gehendes Verlangen vielleicht nicht einmal für gut. Denn auch die Selbst- Verleugnung hat ihre Grenze, auch der Kampf ist zuweilen nicht nur eine Nothwendi^keit, sondern auch eine Pflicht. Ein höherer Wunsch kann ihm gegenüber nicht ausgesprochen-werden, als dass er nur gegen den bösen, den droheuden, den mächtigen Gegner sich richte, von dein überwundenen, schwachen, nothleidendou aber ablassa und hilfreich ihm jede nothwendigo Unterstützung gewähre. Daun mag die gute That auch zur freundlichen Gesinnung und zur Versöhnung führen. Und zu höheren Leistungen l) Vors ^3 u. 34. =׳) S. weites M. Lazarus, Die Ethik des Jadenthams, S. 147 —183. *) 2. B. M. 23, 4 f. *) Spr. Salom. 24, 29. 2p,.21. 22.