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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1903-01-01 · Heft 2 · p. Seite 142

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
47 (1903)
Issue
Heft 2
Article
Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
Date
1903-01-01
Page
Seite 142 (sequence 7)
Language
German
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142 Di® Vorlesungen Harnacliß über das Wesen des Christenthums. grosssfcädtischen Lumpenviertel, oder an die sklavenmässige Arbeit auf einem modernen Dominium erinnert, und das von den grossen christlichen Malern, wenn auch verklärt, 80 doch nicht unwahr dargestelit worden ist. Tagelang sehen wir da das arme Volk hinter Christus herziehen und bald an einem Bergabhange, bald am Meeresstrande bequem gelagert, seinen Worten lauschen. Ab und zu wird ein wenig gearbeitet, z. B. das Fischernetz ausgeworfen und die gar nichts arbeiten wollen oder können, betteln einfach. Christus und seine Apostel selbst leben, in der amtlichen Sprache unserer Zeit ausgedrückt, vom Bettel, und nirgends eine Spur von gemütlichkeitstörender Polizei!״ Die Armuth hatte Jesus mit einer Anzahl Schriftgelehrter seiner und der folgenden Zeiten gemein, die, wie Hillel, Rabbi Josua, R. Akiba, R. Meir mühsam von der Arbeit ihrer Hände sich ernähren, während sie gleichzeitig durch Geist, Wissen und Tugend unter ihren Gefährten, wie beim Volke eine hervorragende Stellung einnehmen. Ihre Beispiele beweisen insgesammt, dass e8 falsch ist, dem jüdischen Volke jener Zeit eine übertriebene Schätzung des Mammons vorzuwerfen, dass vielmehr in ihm eine seltene Achtung vor der geistigen Grösse lebte, die über jeden äusseren Mangel hinwegsah. Aus diesen Verhältnissen heraus ist das Auftreten und die Wirksamkeit Jesu zu verstehen. Aus den vom Judenthum gelehrten, seine Zeit ganz besonders bewegenden Gedanken der Nächstenliebe hat er geschöpft, und für sie hat er bei seinen Zuhörern volles Verständniss und Empfänglichkeit gefunden. Die Ausführung des im 3. Buche Mosis1) verkündigten Gebotes ״D u sollst lieben, deinen Nächsten wie dich selbst״ hat Jesus nicht erst, wie christliche Gelehrte meinen, aus der grossen Zahl der übrigen Gebote hervorzuheben und zu besonderer und umfassender Geltung zu bringen brauchen, und er hat es nicht erst, wie Harnack meint, aus der Verflechtung mit dem gottesdienstlichen Ritual loslösen müssen. Ein Menschenalter vor ihm hat bereits Hillel zu einem Heiden der, nach einem damals vielgebrauchten Bilde, das Jujdenthum kennen lernen wollte, ‘)‘19, 18.

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