Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 6)
- Language
- German
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Die Vorlesungen Harnacks über das Wesen des Cbriatenthums. 141 gäbe •eXe7i|xoct5vfl sein, abhängig von dem persönlichen und oft nur zufällig erweckten Gefühle des Mitleides, sondern sie wurde geboten als צדקה, als eine Pflicht der Gerechtigkeit, für deren Erfüllung ein persönliches Verdienst nur insoweit vorhanden war, als sie mit liebevoller Freundlichkeifc ausgeübt wurde1). Die Propheten Ilosea2), Micha3), Jesaia*), sowie die Spiiiche Salomo’s5) hatten bereits den alle Opfer übersteigen• den Werth der Gerechtigkeit und der Wohlthütigkeit verkündigt. Danach sprachen die Schriftgelehrten aus, dass sie und die Uebimg der persönlichen Liebes werke, die Pflege von Kranken, der liebevolle Beistand für Sterbende, die ehrenvolle Bestattung von Todten, die Tröstung der Trauernden und die selbstlose Freude mit den Glücklichen gleichwertig seien allen übrigen Geboten der Thora0), Dass diese Lehren nicht nur schöne Worte blieben., sondern das Leben des jüdischen Volkes wirksam bestimmten,, dafür liefert das Neue Testament uns selbst die Beweise in zahlreichen Erzählungen und Bildern aus den Zuständen, die Jesus vorfänd, und die es absichtslos uns vorführt. Sie zeigen uns zumeist ein harmloses, freundliches, in Freuden und Leiden theilnahmsvolles Volksleben. Hervorgehoben seien nur die Erzählung von der armen Witwe am Gotteskasten, die gleich den Reiohen ihr Scherflein herbeibringt7), wie die von der gastfreundlichen Aufnahme, die Jesus überall, 80insbesondere mehrfach bei den Pharisäern fand, Erzählungen, die sich allerdings bemerkeuswerther Weise nur bei Lucas finden8), während Matthäus sie offenbar absichtlich gestrichen hat. Drastisch, aber auch treffend, sagt Jentsch in eiher Besprechung moderner socialer Verhältnisse9): ״Die vier Evangelien sind, abgesehen von ihrem tragischen Schluss* ein Idyll, das in nichts an die hässlichen Bilder unserer ג "־) b. Sukka 49b. а) 6, 7. 3) 6, 8. .16 ,1 0־ б) 21, 3. 21. 6) Talm. Jerusch, zu P6J1 1, 1, Sabbatb 127a. Deb^rim rabba cap. 5. Pirke. de Babbi. Elieser c, 17. 7J Ev. Marc. 12, 41 ff. ' 6) 7, 36. 11, 37 ff. 14, 1. 8) Weder Commamsmus noch Kapitalismus. Lpzg. 1893. S. 208»