Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Das Judenthum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 135 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829768-2829771-2884426--31931-2884484- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdenthura im neute8tame1.tl. Zeitalter in christl. Darstellung. 135 Weinberge hinaus, alle in weissen Kleidern, die entliehen waren, um diejenigen nicht zu beschämen, die keines zu eigen hatten. Und was sagten sie? ״Jüngling, erhebe deine Augen und sieh dich bei deiner Wahl vor, sieh7 nicht auf Schönheit, sondern auf Familie u. 6. Es werden zwar nur zwei Tage genannt, an welchen die geschilderte ebenso sinnige wie von dem Zusammenhang der verschiedenen Volksklassen zeugende Belustigung stattfand, aber der eine von ihnen war — man bedenke! — der Versöhnungstag, für den die Kasteiung vorgeschrieben war. Da wird man wohl folgern dürfen, dass auch sonst die Volksstimmung keine durch das Gesetz bedrückte war, wie man glauben machen will. Aber das Gesetz muss nun einmal das Volk in Fesseln geschlagen haben, damit man sagen kann, Je6us habe diese Fesseln gesprengt. Und da man fühlt, dass die blosse Aufhebung des Gesetzes noch keinen Fortschritt bedeute, 80 wird die dadurch entstandene Lücke mit Anschauungen ausgefüllt, die früher noch nicht vorhanden gewesen sein und diesen Fortschritt in positiver Weise darsfeilen sollen, wobei man, wie ich gezeigt habe, die Schale dea Judenthums auf der Wage der Beurtheilung das eine Mal ein wenig sinken lässt, um sie das andere Mal als federleicht eniporschneilen zu lassen. Den Monotheismus in idealster Reinheit bewahrt zu haben, kann man dem Judenthum nicht absprechen, aber es drehte sich in ihm angeblich alles um gesetzliche Gerechtigkeit — ein terminus, für den es gar keinen hebräischen Ausdruck giebt7 — um die Gesammtheit und deren nationale Bedingtheit, mit Ausschluss des Individuellen, man diente Gott aus Furcht und um Lohn, die Frömmigkeit stellte sich dar als ein Processverfahren, in das man mit Gott verflochten war, und in dem man auf Grund von persönlichen Leistungen und Verdiensten die Güte Gotte» abzudingen und zu erzwingen versuchte, die Lehrer aber einer so qualifizierten Religion entfalteten eine Thätigkeit, die sie in die Mitte stellt ״zwischen Seelsorger und Geheimpolizisten“ (B. 145), eine Charakteristik, bei der man, um ihre Richtigkeit zu prüfen, in Betracht ziehen muss, dass diese Männer Holzhauer, Schuster, Schmiede, Kohlenbrenner u. s. w. waren, also eine die Ausübung geheimpolizeilicher Befugnisse gewiss nicht begünstigende Thätigkeit betrieben. Als das Neue da• gegen, wodurch man über den Standpunkt des Judenthums, dem höchstens die Bedeutung׳ einer Vorstufe beigelegt wird,