Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Das Judenthum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 132 (sequence 13)
- Language
- German
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132 Das Judentliam im neuteatameEtl. Zeitalter in cbristl. Darstellung. werden, bei dem Kaiser wie bei dem Bettler, der menschliche Körperbau ist eben vom Schöpfer nicht durchweg vornehm eingerichtet, und ich möchte den sehen, der au sich selbst oder an einem theueren Familiengliede erlebt, dass dasjenige, wovon man nicht spricht, empfindlich stockt, der dann erfahren muss, wie die Aerzte an dem in der Narkose wie entseelt daliegenden Leibe die schwersten operativen Eingriffe vornehmen, ängstlich die Athmung und den Herzschlag belauschen, und sich königlich freuen, wenn dasjenige wieder eintritt, wovon man nicht spricht — ich möchte, sage ich, den sehen, der, nach der gelungenen Operation, ausruien möchte, dass die Leibesfunction, um die es sich bei dem Allen handelt, mit der Religion nichts zu thun habe und ihr ihren Ernst raube, und der nicht vielmehr Gott auf den Knieen danken wird. Nun, ich habe hier einen kleinen Aus* schnitt aus dem Ritualismus des Judenthums hcrangezogen, dieser aber verbreitet Licht über das Ganze. Das Judenthum ist eben vom Allem* türlichsten, Allermenschlichsten ausgegangen. Deshalb sollte sein Bekenner am Morgen, noch ehe er seiner besonderen Religion sich bewusst würde, seiner Menschlichkeit sich bewusst werden, sie aber im Lichte der Religion betrachten und erkennen. Hat nun auch nur einer von den christlichen Darstellern des Judenthums des neutestamentlichen Zeitalters ernstlich versucht, ihm von dieser Seite gerecht zu werden, begnügen sich nicht vielmehr alle damit, es mit Schlagworten an die Wand zu drücken? Was geschieht in unserer Zeit nicht alles gegen den Alkoholismus und gegen seine durch Vererbung selbst künftigen Gesehiechtern drohenden Gefahren? Wie entschieden stehen unter _d<n Aerzten und Hygienikern diejenigen, die bloss Massigkeit verlangen, denen•׳ gegenüber, die völlige Abstinenz fordern. Von anderen Krankheitserscheinungen und pathologischen Zuständen, und von der durch sie herbeigeführten erblichen Belastung, deren Schrecken jetzt selbst auf der Bühne be« handelt werden, mag hier bloss andeutungsweise die Rede sein. Gehen aber diese Dinge bloss etwa die Aerzte und die Dramatiker, und nicht auch die Religion an P Ist es nicht vielmehr gerade ihre Sorge, . die Menschen auch körperlich gesund zu erhalten, zu verhüten, dass ihre Leiblichkeit verkümmere? Die Erhaltung des Lebens und der Gesundheit wird in demjenigen Theiie des Alten Testaments, der die Abstinenzgebbte enthält, als Endzweck derselben bezeichnet