Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Das Judenthum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 12)
- Language
- German
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Das Judenthum im neutestameutl. Zeitalter in chriatl. Darstellung. 131 die sie auch für Religion hielten“. Giebt es im Leben eines gottgläubigen, monotheistischen Volkes, wie das jüdische Volk war, solche Dinge, die man irrfchiimlioh für Religion halten kann, welche die Religion um ihren Ernst bringen können? Ich werde versuchen, den Stier bei den Ilörnorn zu packen. Es giebt im jüdischen Ritual des Morgengebeta einen Soge89״pruch, der also lautet: ״Mein Gott! Die Seele, die du mir gegeben hast, rein ist sie; du hast sie erschaffen, du haar sie gebildet, du hast sic mir eingehaucht und du bewahrst sie in meinem Innern, Du wirst in Zukunft sie von mir nehmen und dereinst mir wieder geben. So lange die Seele in mir ist, danke ich dir, Ewiger, mein Gott und Gott meiner Väter, Meister aller Werke, Herr aller Seelen, gelobt seiest du Ewiger, der wiedergiebt die Seelen den todten Leibern“. Ich führe dieses Morgengebet, das den Schriftgelehrten, die es verfasst haben, gewiss alle Ehre macht, weil sie dadurch der hohen, geistigen Bestimmung des Menschen Ausdruck gegeben haben, gleichwohl nicht seiner selbst wegen, sondern wegen eines andern an, das ihm voranzugehen hat und das also lautet: ״Gelobt seiest du Ewiger, unser Gott, König der Welt, der den Menschen gebildet mit Weisheit, und ihm anerschaffen hat Oeffnungen und Höhlungen allerlei Art. Offenbar und bekanntest es vor dem Throne deiner Herrlichkeit, dass, wenn eine von ihnen geöffnet oder gescldossen würde, es unmöglich wäre, vor dir zu bestehen; getobt seiest du, Ewiger, der da heilet alles Fleisch und es wunderbar gestaltet“. Worauf sich dieses Gebet bezieht, brauche ich nicht erst zu sagen. Es 8011 am Morgen nach einer leiblichen Verrichtung gebetet werden, von der man nicht spricht. Das wäre nun scheinbar 80 etwas, was ״die Religion um ihren Ernst bringen" heissen könnte. Aber die Schriftgelehrten dachten anders. Die nothwendig© .Vorrichtung sollte dem Menschen am frühen Morgen zunächst in Erinnerung bringen, wie wunderbar der Schöpfer seinen Körper gebildet habe, und wie Gesundheit und Leben von der ungestörten Funktion der.körperlichen Organe abhiengen. Nachdem er zuerst dafür dem Schöpfer gedankt, sollte er ihm, körperlich geläutert, auch für seine Seele danken. Erst mit reinem Leibe ist der Mensch . würdig, der reinen Seele zu gedenken. Haben nun wirklich die Schriftgelehrten dadurch die Religion um ihren Ernst gebracht, dass sie jene Leibesfunction auf sie bezogen? Aber die Sache kann sehr ernst 9*