Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Das Judenthum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 11)
- Language
- German
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130 Das Judenthuru im neutestaraentl. Zeitalter in ehristl. Darstellung. giftet״, sondern die Religion hat umgekehrt durch sie alle Lebensäusserungen geheiligt. Man muss in das Empfindlings• und Familienleben der Juden, wie es auch zur Zeit Jesu gewesen ist und im Mittelalter sich erhalten hat, eindringen, wofür allerdings auf- und zusammengelesene Übersetzungen von Einzelheiten nicht ausreichen, man muss die Juden in ihrem Ringen und Kämpfen, in der Entfaltung ihrer grossartigen Entsagungs- und Opferfähigkeit, in ihrer nicht zu unterdrückenden Hoffnungsfreudigkeit und Spannkraft, in ihrem schwunghaften Idealismus, in ihrer steten Verjüngung beobachten, um zu beurtheilen, was die das gesammte Leben regelnden Vorschriften für jene merkwürdigen Erscheinungen bedeutet haben. Dann wird man auch erkennen, dass sie das religiöse und sittliche Leben nicht ״veräusserlicht״, sondern vertieft und verinnerlicht haben, wie es denn ein in dem haggadischen Scbriftthum oft wiederkehrender Grundsatz ist, dass die das Leben ordnenden Ritualgebote nur den Zweck verfolgen, ״die Menschen zu läutern״. Es sind also reine Erziehungsvorschriften, Dass man auch ohne Bethätigung derselben die höchste Stufe der Sittlichkeit erlangen kann, hat die jüdische Religion nie bestritten, da sie auch den ״Frommen der Völker״ die ewige Seligkeit zuerkennt. Dass aber die blosse Thatsache ihrer Nichtbethätigung, die blosse Abrogation und Negation derselben (der Antinomismus) an und für sich eine das Leben versittlichende Potenz sei, wird sich kein Unbefangener einreden lassen, und doch liegt den christlichen Darstellungen, insofern sie das Judenthum von seiner gesetzlichen oder ritualistischen Seite schildern, diese Anschauung zu Grunde. Man schildert ״das Leben unter .dem Gesetze״ als ein qualvolles (was es thatsächlich, nicht war, wie oben mit wenigen Strichen angedeutet ist),. ohne zu sagen, wie ein Leben, das kein ״Leben unter dem Gesetze״ war, also z. B. das Leben der Griechen und Römer thatsächlich aijsgosehen hat, und wie weit, sie mit diesem Leben der Ungebundenheit und Schrankenlosigkeit, des freien Spiels der Begierden und Leidenschaften gekommen sind. Ich , betrachte es hier nicht als meine Aufgabe, zu zeigen, was das Judenthum zur Zeit Jesu, von seiner ritualistischen Seite betrachtet, gewesen ist, ich will nur zeigen, dass es das, was die christlichen Darstellungen dafür ausgeben, nicht gewesen ist. Harnack (das.) meint, die Schriftgelehrten hätten die Religion um ״ihren Ernst gebracht durch tausend Dinge,