Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Das Judenthum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 5)
- Language
- German
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124 Bas Judenthum im neutestamewll. Zeitalter in christl. Darbteliung. Exegese der Gegenwart erblickt denn in der That in den Psalmen u. s. \v. nichts Christliches, und erklärt das Alte Testament nicht in christologischem Sinne. Was aber das Judenthum betrifft, 80 hat man zwar anfgehört, es — wie ].Bäldensperger a. a, O. S. 1 sagt — als etwas ״Negatives, als eine Parenthese, durch welche die ideale religiöse Entwicklungslinie unterbrochen wurde“, anzusehen. Aber die Bezeichnung desselben als der ״Vorstufe des Christenthums“ besagt in positiver Wendung wiederum dasselbe und \erleitet dazu, das Judenthum und seine Vertreter durch die Brille christlicher Dogmatik zu betrachten, wobei kein achromatisch-geschichtliches, sondern ein im krankhaften Zustande der Chromatodysopsie sich ergebendes Bild vom Judenthume gewonnen wird. So beschließt Schiatter in ״Jochanan Ben Zakkai, der Zeitgenosse der Apostel“ das Lebensbild dieses Mannes mit folgenden Worten: ״Am Gesetz hatte Israel Furcht und Bene kennen gelernt, und diese durchdringen seinen ganzen Gottesdienst. Sie bewirken, dass er z\1ra Erwerb der Versöhnung mit Gott geübt und auf den Verdienstgedanken begründet wird, der an der vollbrachten Leistung die Zuversieht zu Gott gewinnen will. Aber hier entsteht ein unaufhebbarer Confüctr An der Reue scheitert das Verdienst, am Verdienst die das Böse abwehrende Reue. Wird jene sieghaft, tritt Verzagtheit ein; bleibt die zuversichtliche Schätzung des Verdienstes Meister,• so muss das Gewissen schweige«. Jochanan blieb bis zum Ende ernst und redlich und hat darum diese Schwankung voll erlebt. Aber eben in dieser Schwankung erlebte er und ganz Israel mit ihm, warum ihm Gott Jesus gegeben hat, und welche Wo 111 that darin liegt, dass der Grund des Glaubens nicht in uns, sondern in dem steht, der zu uns gesandt und für uns gestorben ist״• Man traut seinen Augen nicht, wenn man das liest. Das soll ״Geschichte“ sein, wie sie doch Schiatter (dem übrigens Landau’s Abhandlung über R. Jochanan b. Saccai in Frankels Monatsschr. I, 163 ff. entgangen ist) ausdrücklich S. 1, Anm. 1 zu geben erklärt! Die Operation mit den Begriffen Furcht, Reue, Leistung und Verdienst erinnert weniger an eine geschichtliche Darstellung, als an die Aufstellung eines Rechcnexempels, und dafür muss ein Mann ,wie R. Jochanan b. Sakk&i herhalten, von dem man doch, wie von jedem ganzen Manne zum mindesten sagen muss, dass er von