Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Das Judenthum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 4)
- Language
- German
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Das Juden tbum im neutestamentl. Zeitalter in christl. Darstellung. 125 gen, die der christlichen Dogmatik entlohnt sind, herantritt. An diesem Punkte scheitert die christliche Darstellung des Judenthums im neutestamentlichen Zeitalter. Die Heidenkirohe hatte es sich dem Judenthum gegen« über bequem gemacht. Sie hatte ganz einfach den Anfang des Christentums bis an den Anfang der Schöpfung hinaufgerückt, und was dazwischen lag, also auch die Geschichte Israels und das Alte Testament für sich selbst in Anspruch genommen. Das war ein ungeschichtliches Verfahren, eine ״ blosse Fiction, aber es lag darin Methode. Der Advent und die einer falschen Lesung von Jes. 45, 8 sich bedienende Rorate-Messe giebt dieser Fiction noch heute kirchlichen Ausdruck, Harnack (a. a. O.) sagt über diesen Punkt: ״Eine solche Ungerechtigkeit wie die der Heidenkirche gegenüber dem Judentum ist in der Geschichte fast unerhört“. Im Grunde aber hat sieh in dieser Hinsicht im Laufe der Zeit wenig geändert. Die Kirchenväter, wie die Reformatoren und spätere christliche Autoren hatten für das Alte Testament nur eine christlich-dogmatische Auslegung, man versuchte, das ״Christliche“ in den Psalmen u. s. w. nnchzuweisen, ohne zu bedenken, dass was man so als das Christliche nachgewiesen zu haben glaubte, thatsiichlich jüdisch war. Dieses Bedenken konnte allerdings denen nicht aufstossen, die lediglich von ihrem Glaubensstandpunkt ausgingen. Da der Glaube Berge versetzen kann, so kann er auch ein geschichtlicbes Datum um tausend oder zweitausend Jahre zurückverlegen, das auserwählte Volk Israel in sein Gegentheil verkehren und das Christenthum an seine Stelle setzen. Für den Glauben giebt es keine Chronologie und keine Literaturgeschichte. Aber operiert Harnack anders, wenn er von dem Verfahren der Heidenkirche, das er eben erst als eine unerhörte Ungerechtigkeit bezeichnet hat, im Hand-, umdrehen bemerkt: ״Aber auf einer höheren Stufe stellt sich die Sache anders dar“, und die Ungerechtigkeit, wie erwähnt, mit der ״Verwerfung“ Jesu entschuldigt? Wie ist das möglich? Wie kann was unerhört, ungerecht ist, sich auf “einer höheren Stufe anders darstellen? Eine solche Behauptung ist unvereinbar mit . wissenschaftlicher Forschung, deren Grundbedingung ist, die geschichtlichen Erscheinungen für.! sich sprechen zu lassen, nicht aber, sie in den Schraubenstock von Vorstellungen und Anschauungen einauswängen, mit denen sie. nichts., su iinan haben... Die wissenschaftliche