Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 426 (sequence 20)
- Language
- German
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426 Ei© Vorlesungen Harnacis über das Wesen des Christenthums. Sie erfahren jetzt eine immer weitere Ausbildung. Aber an allgemeiner Geltung bleiben sie zurück hinter der einfachen., schlichten Auffassung, welche die messianischen Zustände als frei von äusserem Druck und Knechtschaft und im Uebrlgen als eine natürliche Weiterentwickelung der gegebenen Verhältnisse sich dachte. Ihr gibt der hervorragendste Lehrer des Mittelalters, Moses Maimonides (gest. 1204), mit den Worten Ausdruck: ״Einige unserer Weisen glauben, dass vor der Erscheinung des Messias. Elia kommen werde. Aber von allen diesen und ähnlichen Dingen weiss Niemand, wie sie sein werden. Sie sind von den Propheten nicht mit klarer Deutlichkeit ausgesprochen, und unsere Weisen haben keine bestimmte Ueberlieferung darüber, sondern urtheiien nur nach ihrer Auffassung der bezüglieben Scbriftverse. Daher die Verschiedenheit der Meinungen. In keiner Weise gehört die Vorstellung, wie diese Dinge sich entwickeln, und ihre Einzelheiten zum Wesen unseres Glaubens. Wir sollen uns mit den Haggadoth und Midraschim, die von solchen Dingen sprechen, nicht allzuviel beschäftigen und sie nicht zu einer Hauptsache für uns machen. Denn sie sind es nicht, die uns zur Furcht und zur Liebe Gottes führen. Wir sollen uns auch nicht-auf Berechnungen der Zeit einlassen, wann der Messias kommen soll, darüber haben bereits unsere Weisen ihre Verurtheilung ausgesprochen. Wir haben nur auf die Sache selbst zu hoffen und an sie zu glauben“. Es war eine No th wendigkeit für die Erhaltung und die ganze Entwickelung des Judenthums; dass diese Auffassung der messianischen Verkündigungen die massgebende, die Lehre, wie das Verhalten der weiteren Völkskreise den verschiedenen, im Laufe der Jahrhunderte auftretenden messi-, anischen Bewegungen gegenüber bestimmende war und blieb. Die Beschäftigung mit der Zukunft vorbehaltenen und unserer Einwirkung entzogenen Hoffnungen und die dabei vorwiegende Thätigkeit der Phantasie führt leicht zur Schwärmerei, im Verfolge unausbleiblicher Enttäuschungen zur Verwirrung der Geister und nicht selten zum Abfalle vom früheren Glauben. Dagegen steht das Verständniss und die Würdigung der Gegenwart, sowie die Hingabe an ihre Aufgaben in vollkommenem Einklänge mit dem Glauben *) Mischne Tora, XIV, Hilch. Melachim 12, 2.