Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 425 (sequence 19)
- Language
- German
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Die Vorlesungen Harnaeks über das ,Wesen des Christonthnms, 425 nacli allen Enden der Erde zerstreut wurden, weckten die früheren Verheissungen der Propheten von Neuem die Hoffnung für die Sammlung der Zerstreuten und eine schönere Auferstehung des Zerstörten. Diese Wünsche und Hoffnungen wurden in das tägliche Gebet aufgenommen. Aber ebenso wurden auch die, welche die Ausbreitung der Erkenntniss Gottes über alle Völker erflehen, an den besonders feierlichen Tagen des Neujahrs- und Versöhnungsfestes zum Ausdruck gebracht. ״So lasse kommen, Ewiger, unser Gott, die Furcht vor dir übler alle deine Werke, eine ehrfürchtige Scheu über Alles, was du erschaffen, auf dass dich fürchten alle Wesen, vor dir sich beugen alle Geschöpfe, auf dass Alle werden e i n Bund, deinen Willen zu tbun mit ganzem Herzen, sowie wir es erkennen Ewiger, unser Gott, dass die Herrschaft bei dir ist, die Macht in deiner Hand und die Kraft in deiner Hechten, und dein Name erhaben über Alles, was du geschaffen“. Das Bekenntniss zu den Worten der Propheten war die gemeinsame Grundlage der messianischen Hoffnungen der Juden. Aber ihre Deutung erzeugte die mannichfachsten Auffassungen. Als der Tempel und der jüdische Staat zum zweitenmale zerstört worden waren, da enstand aus dem 1 4-׳ Verlangen nach ihrer Wiederherstellung ganz besonders der Wunsch nach dem Erscheinen eines messianischen Helden, der unter göttlichem Beistände Israel seine Freiheit wieder erkämpfen sollte. In solchem Verlangen begrüsste Rabbi Akiba den ■tapfern Bar Kochba, der die Juden zum erneuten Aufstande gegen die Römer -aufrief, als Messias. Es war eine verhängnisvolle Täuschung. Die Juden erlagen der Uebermacht. Bar Kochba fiel im Kampfe, Rabbi Akiba wurde hingerichtet, die Volkskraft der Juden war gebroehen. Doch ungebrochen erhielt sich durch alle Schicksalsfälle, alle Leiden und Verfolgungen hindurch die Kraft ihres Glaubens und ihrer Hoffnungen für die Zukunft. Der trüben Gegenwart gegenüber malte sich jetzt die Phantasie gerne die künftigen messianischen Zeiten in glänzenden Farben aus. Schon bei Rabban Gamliel einem Zeitgenossen Rabbi Akiba's finden wir wunderbare Schilderungen derselben wie wir sie in ähnlicher, nur noch überschwänglicherer, Weise auch bei den Kirchenvätern des zweiten Jahrhunderts finden1). ג) Sabbatli 30 b, Ketubbot 111 b. Vgl. dazu die interessante Parallele aus Papias bei Hausrath, kl. Schriften religionsgesell. Inhaltes. S 33. Pesikta rabbati, ed. Breslau, cap. 34—37.