Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 423 (sequence 17)
- Language
- German
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Die Vorlesungen Harnacks über das Wesen des Cliristentkums. 423 Und einer solchen, viele Jahrhunderte hindurch bekündeten Treue, einem solchen Opfermuthe gegenüber wird heute noch nicht selten die Messiaside e der Juden als ״weltlich“ und ״fleischlich“ bezeichnet, ihre Hoffnung nur auf ״Machtbesitz und äusseren Triumph“ gerichtet! Aber auch die, die, wie Harnack selbst über einer solchen niederen Auffassung* stehen, werden dem jüdischen Messiasgedanken nicht gerecht, weil sie ihn nicht in seinem Zusammenhange mit den andern religiösen Ans chau־ 1111 g e n des Judenthums erkennen. Sie treten auch heute noch an die Erforschung des alten Testaments mit der Vorstellung heran, dass sein eigentlicher und letzter Zweck das Erscheinen eines Messias, eines geistigen Erlösers, war, dass alle seine Bestimmungen und Einrichtungen gewissermassen nur vorläufig galten, seine Ereignisse auf das Zukünftige hindeuteten und erst darin ihre Erfüllung erhielten, dass seine werthvollsten Lehren und Erkenntnisse erst im Christenthum ihren höchsten־ Sinn und ihre volle Bedeutung gewonnen, dass Propheten und Psalmistea gesprochen hätten, ohne selbst ihre Worte recht zu verstehen, jedenfalls ihren Zeitgenossen unverständlich, dass alles Grosse und Edle in ihm seine Erfüllung nur in der kurzen Lebenszeit einer Persönlichkeit getuaden habe. Die Messiasidee ist ihnen die Centralidee des Alten Testaments. Mit ihrer Verwirklichung durch Jesus ist ihnen der geistige Gehalt des Alten Testaments erschöpft und das weitere Leben und die Tbätigkeit der Juden nur eine Kette von Irrth'ümern. Die Haupt- und Grundidee des Alten Testaments, wie des späteren Judenthums, war aber stets die Lehre von dem einzigen, gerechten und heiligen Gotte, und die Messiasidee nur eine ihrer Aus- Strahlungen, die erst im Laufe einer langem Ent- Wickelung hervortrat. Der Gedanke, aus dem sie hervorging, ist die Lehre von der Güte Gottes und der Güte der,Menschennatur, ist die Ueberzeuguag, dass das Gute endlich durchdringen und zum Siege gelangen müsse. Aus diesem Glauben heraus stellten Moses und die Propheten ihre hohen Anforderungen an die Israeliten, rügten und straften sie, wenn sie ihnen nicht entsprachen, verkündigten ihnen die schwersten Heimsuchungen für ihre Sünden, zweifelten aber auch niemals, dass dieser Leidensweg sie zur Besserung und zur