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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1902-09-01 · Heft 9-10 (September 1902) · p. Seite 420

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
46 (1902)
Issue
Heft 9-10 (September 1902)
Article
Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
Date
1902-09-01
Page
Seite 420 (sequence 14)
Language
German
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420 Bie Vorlesungen Harnaclfs über das Wesen des Christenthums. für das vergossene Blut Jesu hat in Strömen von Blut wehr- und schuldloser Juden sich zu befriedigen gesucht. Die Saat des Hasses wurde von den massgebenden Behörden selbst ausgesät. Als das Christenthum Staatsreligion geworden war, änderte es auch die günstige rechtliche Stellung? welche die Juden unter den Römern besessen hatten, und die gegen sie erlassenen staatlichen und kirchlichen Gesetze athmen ״einen finstern Geist der Intoleranz, der Yorurtheile und des Fanatismus‘4. ״Durch sie wurde“, sagt Scherer1) ״hauptsächlich die Kluft geschaffen, die die Christen von den Juden trennt; sie haben die Juden inmitten der christlichen Gesellschaft völlig isoliert und der Schmach und Verachtung preisgegeben״ .״Entsprechend der oben angegebenen Tendenz zeigt sich in diesen Gesetzen das Bestreben, die Juden als eine minderwerthige, den Christen untergeordnete, verächtliche Mensehenklasse, als inferiores quasi infames, als turpes und perversi, das Judenthum als eine gottlose und gefährliche Sekte, als Aberglauben, die gottesdienstlichen Versammlungen der Juden als gotteslästerlich (sacrilegi coetus) als Schandthaten (flagitia), als Befleckung (Judaicis semet polluere contagiis) hinzustellen״. Den gleichen Ton finden wir bei Päpsten und Concilien. ״Die Juden sind verflucht und verworfen״ ״sie werden, geduldet und erhalten nur als Zeugniss der christlichen Wahrheit״, oder ״zum Gedachtniss des Leidens Christi״ ,,״sie sollen nicht vergessen, dass ihre eigene Schuld sie ewiger Sklaverei unterworfen hat2״). Aus dem juristischen und kirchlichen Sprachgebrauch drang diese Auffassung von den Juden sodann in die ganze christliche Litteratur, und in den Werken der Dichter und Künstler wie im Volksglauben wurde ihr Bild immer mehr entstellt und verzerrt. Aus einer von solchen Vorstellungen getragenen und immer wieder mit neuem Hasse genährten Stimmung der Gemüther, giengen die grauenhaften Judenverfolgungen des Mittelalters hervor, die mehrfach gerade die grossen religiösen Bewegungen, wie insbesondere die Kreuzzüge und die der Flagellanten zur Zeit des schwarzen Todes, begleiteten. Den Hass, den man selbst empfand, setzte man sodann auch Seitens der Juden voraus und nahm ihn ohne Weiteres den J) Beiträge zur Gesch. des Judenrechts im Mittelalter.׳ Lpzg. 1904. I, 11 f. 2) J. Loeb : Reflexionssur les juifs, Rev. d. et. ju. 1893, XXVII. 20• f.

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