Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 419 (sequence 13)
- Language
- German
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Die Vorlesungen Harnacks über das Wesen des Christenthums. 419 und über den Antheil von Juden und Römern an der Verurth.eilung Jesu nicht mehr zu gewinnen ist. Das geschichtliche Verhältniss, wie es sich sodann allmählich herausbildete, zeichnet Renan zutreffend mit den Worten1): ״Von der Mitte des zweiten Jahrhunderts ab. war der Hass zwischen den beiden Religionen besiegelt ..... Die Juden warfen den Christen vor, dass sie den Grimm und die Schmerzen Israels nicht theilten. Die Christen fingen an, auf die Gesammtheit der jüdischen Nation einen Vorwurf fallen zu lassen, den wider sie zu richten sicherlich 1weder Petrus noch Jacobus, noch der Verfasser der Apokalypse sich hatten einfallen lassen, nämlich den, Jesus gekreuzigt zu haben. Der Tod Jesu war bis dahin als das Verbrechen des Pilatus, der hohen Priester, gewisser Pharisäer, aber nicht als das Verbrechen von ganz Israel betrachtet worden. Jetzt erscheinen die Juden wie ein gottesmörderisches Volk, wie ein Volk, das die Gesandten Gottes tödtet und den klarsten Prophezeihungen widerstrebt“. Und nun vollzieht sich eine Entwickelung, die wir nach dem, was als ״Wesen“ oder als Lehre des Christenthums verkündigt wird, für unmöglich halten würden, wenn sie nicht durch tausende von Zeugnissen beglaubigt wäre, und wenn nicht auch auf anderen Gebieten der gleiche Gang und ähnliche Erscheinungen sieh zeigten. Das Evangelium Matthäi (27, 25) berichtet, dass, als Pilatu3 zum Volke gesprochen hatte : ״ich bin unschuldig an diesem Blute, sehet ihr zu“, das ganze Volk antwortete und sprach: ״sein Blut komme über uns und unsere Kinder“. Und das Evangelium Lucas (23, 34) berichtet, dass Jesus am Kreuze sprach: ,,Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun“. Dieses Wort Jesu wurde als die Erfüllung einer Verkündigung des Propheten Jesaias (53, 12) und als die Bethätigung seiner eigenen Lehre ״bittet für die, so euch beleidigen“ gerühmt und in den Schulen gelehrt, im Verhalten den Juden gegenüber aber zumeist missachtet. Dagegen hielten sich Viele zur Erfüllung des den Juden in den Mund gelegten Wortes — das doch immerhin nur der entschiedene Ausdruck einer festen, wenn auch in die Irre gegangenen Ueberzeugung ist — verpflichtet, und die Rache 1) Histoire des origines du Christianisme. l’Eglise cliretienne. Paris, 1879, VI 276 f.