Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 418 (sequence 12)
- Language
- German
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418 Die Vorlesungen Harnacks über das Wesen des Chrhtenthums. Sohn Gottes‘4 sei, das er mit den Worten bekräftigte : ״von nun an werdet ihr des Menschen Sohn sitzen sehen zur Rechten der Kraft und kommen auf deD Wolken des Himmels4‘1). Auf das Drängen der Juden habe sodann Pilatus das Urtheil bestätigt. Er wäre demnach nur deren Werkzeug gewesen, und zwar wider seinen Willen und seine bessere Ueberzeugung. Diese Entlastung des Pilatus und der Römer von der Schuld an der Yeiurtheilung Jesu steht ebenso im Wider- Spruche zu ihrem sonst bekannten Verhalten, wie der Bericht über das Gerichtsverfahren im Synhedrion zu den aus jener Zeit überlieferten und wohl bezeugten jüdischgesetzlichen Bestimmungen, nach denen eine Verurtheilung J esu auf die von den Evangelien angegebenen Beschuldigungen hin nicht stattfinden konnte2). Als wahrscheinlich ist nur anzunehmen, dass, wie R e i n a c h3 4) aus dem Berichte des Josephus entnimmt, die vornehmen, mit Pilatus verbundenen Häupter der Juden ihn auf die durch Jesus entstandene Volksbewegung aufmerksam gemacht, und dass er sodann deren Urheber das gleiche Schicksal bereitet hat, dem vorher Judas der Gauloniter erlegen war, das Herodes Antipas über Johannes den Täufer verhängt4) hat, und das Pilatus selbst nachher dem sama~ Titanischen Propheten bereitete. Widerspruchsvoll, wie die Berichte der Evangelien in sich selbst sind, treten sie auch zu einander in Gegensatz. Eine so wichtige Thatsache, wie den Todestag Jesu, verlegen die Synoptiker auf den ersten Festtag des Passah, das Evangel. Johannis aber auf den Tag vorher, den Rüsttag des Passah. Johannes schweigt auch vollständig von der von jenen berichteten Einsetzung des Abendmahles. Wir haben in allen zweifellos, nur s p ä t er e Berichte des tragischen Ereignisses vor uns, die von verschiedenartigen, insbesondere auch politischen Tendenzen geleitet waren, und aus denen ein klares Bild über die wirklichen Vorgänge ג) Matth. 26, 59. 2J Vgl. Philippsolm: Haben wirklich die Juden Jesum gekreuzigt? Berlin 1866, S. 39 ff. Chwolsohn, das letzte Passamahl Christi. Lpzg. 1892, S. 95 ff u. 118. Joel, Blicke in die Keligionsgesch. 11, S. 64 ff, gegen Graetz III3 323 ff. J. Lehmann: revue des et. ju. XXXVII 15 ff. 3) Kev. d. dt. ju. XXXV 16 f. 4) Antt. XVIII 5, vgl. über Johannes, M. Friedländer, zur Entstehungsgeschichte des Christenthums, Wien 1894, S. 128 ff.