Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 413 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Vorlesungen Harnacks übe’r das Wesen dos Christen thums. 413 ■vergibt-, was die Schriftgelehrten als Lästerung bezeichnen, da nur Gott allein Sünden vergeben könne. Diesen Einwurf widerlegt Jesus mit dem Hinweise auf die ihm verliehene wunde rthätige Kraft, vermöge deren auf sein Wort hin der Gelähmte aufstand, sein Bett nahm und weg״ ging. Ebenso lässt Jesus dem*Täufer Johannes auf die Frage: ״bist du der, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern warten״? antworten: ״Gehet hin und saget Johannes wieder, was ihr sehet und höret. Die Blinden sehen und •die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören, die Todten stehen auf, und den Armen wird das Evangelium gepredigt* 2״). Man mag über das Thatsächliche der berichteten Ereignisse denken, wie man will, insbesondere in den Worten ״Bünde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören״ nur die Ausführung dessen erkennen, was vom Propheten Jesaias3) verkündigt wird und offenbar bildlich gemeint ist: in allen diesen Berichten tritt uns die gleiche Vorstellung vom Messias entgegen, diejenige einer ausserordentlichen Erscheinung, die sich göttlichen Ursprung und göttliche Fähigk e i t e 11־ zuschreibt,■ von der deshalb das Evangel. Matth. 1, 21 dasjenige aussagt, was Ps. 130, 8 von Gott ausgesagt wird : ״er wird Israel erlösen von allen seinen Sündenu. Diese Vorstellung allein schon, ganz abgesehen von der Persönlichkeit, die sie beanspruchte, widersprach allen aus den heiligen Schriften gewonnenen Ueberzeugungen der jüdischen Schriftgelehrten. In ihnen war kein Raum für den göttlichen Ursprung eines Menschen und für dessen Fähigkeit, Sünden zu vergeben. Die messianisclien Erwartungen der Juden :gingen nicht sowohl auf das Erscheinen eir.es göttlichen ״Herrn״, eines ״Heilands״ und ״Erlösers4״) als auf die- Erfüllung der prophetischen Verkündigungen von einer herrlichen Zukunft Israels, wie der übrigen V ö 1 k e r. Ihre Verwirklichung wurde erhofft durch einen Sprössling David's. Aber dessen Bild trägt durchaus menschliche Züge, die eines Dieners Gottes, und, im Unterschiede von der Erscheinung der Propheten, die eines 0 Marcus 2, 1 ff, Matth. 9, 1 ff, Lucas 5, 17 ff. 2) Matth. 11, 1 ff. *) 35, 5 1; 29, 18 t*. *) Tgl. Dalman a. a. O. 241 ff.t 26*