Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 393 (sequence 6)
- Language
- German
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Besprechungen. 393 heute durch die Zeitungen veröffentlicht wird, wurde damals durch Verlesung in der Synagoge, gerade so wie jetzt noch hie und da in den Kirchen, publiciert, so das Aufgebot der jSTachlassgläubiger und die Kraftloserklärung von Schuldurkunden (S. 245—247). Bei der Aufbringung ihrer Steuern hatten die damaligen Gemeinden schon Erfahrungen za machen, die auch den heutigen nicht erspart bleiben. Wie modern klingt doch das Edict Eriedrich’s III. von 147T (S. 243), worin dieser dem Judenmeister Mosche von Ratkersclorf aufträgt, dem Juden David zu Marburg die 12 Gulden zu erlassen, die er zum Bau einer Judenschule zu Marburg, za bezahlen verurtheilt worden war, nachdem er daselbst nicht mehr wohnen will. Derartige Reclamationen von Steuerpflichtigen beschäftigen auch jetzt noch ständig unsere Verwaltungsgerichte. Die beiden Judenordnungen hatten versucht, von grossen Gesichtspunkten aus die Verhältnisse /u regeln. Wenige Jahrzehnte nachher aber brach der Judenhass auch über Oesterreich herein, und nun gewinnt die Geschichte' einen sehr kleinlichen Zug. Sie wird zu einem Catalog für Chikanen und Gewaltthätigkeiten, die sich gelegentlich zu blutigen Verfolgungen steigerten. Wohl timend berührt die warme Liebe zur Gerechtigkeit und das tiefe Verständnis für die Juden, das der Verfasser auf Schritt und Tritt zeigt. Die Quellenzeugnisse, die er anfuhrt, geben in ihrer Ursprünglichkeit auch von dieser Periode ein anschauliches, frisches Bild. Besonders mag her vorgehoben werden die Darstellung der Verhandlungen, die die österreichischen Stände mit Eriedrich III und Max I führten, um die Vertreibung der Juden herbei- Zufuhren (S. 426—430, 443—449); und nicht minder die neue g r ü n dliehe nnd quellenmässige Schilderung des Pr oces ses gegen die tridentiner Juden, die der Ermordung des Simon von Trient angeklagt waren (S. 098 —615). Strenge Quellenmässigkeit zeichnet überhaupt Scherers Werk aus. Die einschlägigen österreichischen Rechtsdenkmäler sind sämmtlich im Wortlaut abgedruckt, und was für die Geschichte der Juden im übrigen Europa, namentlich in Deutschland, wichtig geworden ist, wird mindestens in genauem Auszug wiedergegeben. Von jüdischen Quellen werden ausser Talmud, Schuichan Aruch und Respcmsen die bekanntesten Chroniken citiert. So hält das Buch mehr, als sein Titel veispricht, es entwickelt nicht nur die Verhältnisse in Oesterreich, sondern die in ganz Europa, soweit es für die mittelalterliche Geschichte in Betracht kommt, und es bietet gleichzeitig eine umfassende Quellen- Sammlung zur jüdischen Geschichte. Das Material ist gut verarbeitet. In jeder Periode werden die politischen und socialen Verhältnisse Oesterreichs skizziert, so, dass die besondere Geschichte der Juden im Rahmen der allgemeinen erscheint und sich dabei Gelegenheit bietet, manche eingewurzelte Vorstellung über die Lage unserer Väter zu berichtigen. Sie war gewiss in der zweiten Hälfte des Mittelalters schlimm. Aber das düstere Bild liebt• sich von dem trüben Hintergrund der allgemeinen Verhältnisse doch nicht so grell ab, wie wir zu glauben gewohnt sind. Wohl erging es ihnen schlecht, aber den Christen ging es oftmals nicht besser. Einen wichtigen, wenn auch nicht neuen Gedanken führt der Verfasser mit seiner Lehre vom internationalen Judenr echt ein. Er weist gründlich nach, dass die verschiedensten Judengesetzgebungen aufeinander eingewirkt haben, und dass die Gedanken, die die Gesetz-